Gemüsebeete ringsumher

25.September 2000

Aus der Geschichte des Falkplatzes (I)

Obwohl ich seit Januar 1997 nicht mehr am Falkplatz wohne und nur noch relativ selten in diese Gegend komme, fühle ich mich ihm bis heute besonders verbunden. Und immer dann, wenn ich in der Presse irgendeine Notiz über ihn finde – und sei sie noch so unbedeutend –, verschlinge ich sie neugierig. Fast 50 Jahre habe ich in diesem Kiez gelebt. Vom Erker und vom Balkon unserer im zweiten Stockwerk gelegenen Wohnung hatte man einen ausgezeichneten Blick auf den Falkplatz, auf den ehemaligen Nordgüterbahnhof und den Gleimtunnel. So nimmt es nicht wunder, dass wenn ich heute in dieser meiner alten Heimat bin, rasch scheinbar längst vergessene Erinnerungen wieder lebendig werden.

Meine frühesten Eindrücke stammen aus den Jahren 1946/1947. Ich wohnte damals noch bei meiner Großmutter in Berlin-Mitte. Meine Oma besuchte des öfteren ihre langjährige Freundin in der Gleimstraße. Soweit ich mich erinnere, haben wir anfangs den nicht gerade kurzen Weg von der Oranienburger Straße hierher zu Fuß zurückgelegt. Später sind wir dann bis zum Bahnhof Gesundbrunnen mit der S-Bahn gefahren und von dort gelaufen. Ich war stets froh, wenn wir den scheinbar endlosen dunklen Gleimtunnel durchschritten hatten und ich zur Linken die Häuser mit ihren noch vom Krieg zerfurchten Fassaden und zur Rechten die Bäume auf dem Falkplatz erblickte.

Viele Bäume waren es damals nicht. Und das war sicher auch ganz gut so. Denn jedes Stückchen Erde wurde von den Anwohnern landwirtschaftlich genutzt. Auf den zahllosen kleinen parzellierten Flächen bauten sie vor allem Kartoffeln, Gemüse und Gewürze an. Manche hatten Tomaten gepflanzt. Einige hatten auch Johannis- und Stachelbeersträucher gesetzt. Damit wurde verschiedentlich die Grenze zum „Garten“-Nachbarn markiert. In der Regel dienten dazu aber kleine Holzpflöcke, die mit Draht oder Schnur verbunden waren. Fast in jedem dieser Kleinstgärten stand ein größeres Fass zum Aufbewahren des in unterschiedlichsten Behältnissen mitgebrachten Wassers bzw. zum Auffangen von Regenwasser und in einigen auch eine selbstgebaute Bank.

Eine derartige zweckentfremdete Nutzung des ursprünglich als Schmuckplatz angelegten Falkplatzes war in den ersten Jahren nach dem Krieg durchaus keine Ausnahme. Auch die meisten anderen Stadtplätze in Berlin wurden entsprechend umgewandelt und boten den Nutzern in dieser schweren Zeit die Möglichkeit, dem Hunger besser zu begegnen und auch das Speisenangebot ein wenig zu bereichern. Die Kleinstgärtner von damals mussten aber stets darum bangen, dass sie die Früchte ihrer Mühen und ihres Fleißes auch tatsächlich ernten konnten. Diebe gingen um und suchten insbesondere in den Nachtstunden die Gärtchen auf. Sie stahlen häufig nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern suchten ein Großteil des Diebesguts anderntags auf dem Schwarzen Markt zu verhökern. Hungrige gab es genug. Indes wußten sich auch die Gärtner zu helfen. Wie ich später aus Zeitungsberichten jener Jahre erfuhr, richteten sie Fahrradpatrouillen ein. Diese lauerten wiederum den Dieben auf und erschwerten deren frevelhaftes Tun.

Zwar ist die hier beschriebene landwirtschaftliche Nutzung des Falkplatzes vor allem aus der allgemeinen Not nach dem Kriege erwachsen, aber es war nicht das erste Mal, daß auf diesem Areal Gemüsebeete angelegt wurden. Bereits zu Beginn der neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts befand sich auf dem späteren Falkplatz eine Laubenstadt. Darüber berichtete „Die Quelle“ in ihrer Ausgabe vom 23. Juli 1893: „Die Sommerfrische der Arbeiter und kleinen Beamten der Rosenthaler Vorstadt ist die Laubenstadt, welche auf dem mächtigen Baustellenkomplex der verlängerten Schwedter Straße (Begrenzt vom ‘Exerzierplatz zur einsamen Pappel’, der Schönhauser Allee und den Lorbergschen Baumschulen beziehungsweise der Nordringeisenbahn) belegen ist … und überall begegnet das Auge dem wohltuenden Bilde üppigster Vegetation. Es hat gar manchen Schweißtropfen gekostet, in der regenlosen Zeit das benötigte Wasser in Tinen aus der Stadt auf kleinen Holzkarren hinauszukarren. … Am Abend nach Schluß der Werkstätten und Fabriken herrscht in der Laubenstadt ein fröhliches Treiben: denn hier sucht und findet der Arbeiter nach es Tages Last und Mühen im Kreise seiner Familie und Freunde Erholung. Dort wird dann nach genossenem Abendbrot unter freiem Himmel der Abend verbracht. … Abends gegen 10 Uhr pilgern diese kleinen Ackerbürger nach ihren Wohnstädten zurück, denn das Familienoberhaupt muß ja am Morgen wieder pünktlich und neu gestärkt auf seiner gewohnten Arbeitsstätte eintreffen.“ (Zitiert nach dem 1998 vom Prenzlauer Berg Museum herausgegebenenen und bei BasisDruck erschienenen Buch „Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine. Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin“, Seite 34f.)

K. Grosinski

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Im Schrebergarten (Sammlung Grosinski)

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 2, August 2000, S. 6

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