“Ohm Paul” und die Heinrich-Schliemann-Schule

04.März 2002

Aus einer Glanzzeit der Schule in der Gleimstraße. – Zur Geschichte des Falkplatzkiezes (V) Im November 1924 wurde Prof. Dr. Paul Hildebrandt auf Vorschlag der Städtischen Schuldeputation vom Bezirksamt Prenzlauer Berg zum Direktor des Luisenstädtischen Gymnasiums in der Gleimstraße 49 gewählt. Am 6. Januar 1925 übernahm er das neue Amt. Damit begann für die 1864 im Süden Berlins gegründete und seit 1915 im Norden der Stadt ansässige Schule der erfolgreichste Abschnitt in ihrer bislang mehr als 60-jährigen Geschichte. Paul Hildebrandt war im Berlin der zwanziger Jahre kein Unbekannter. Geboren 1870 in Berlin, war der promovierte Altphilologe, der neben alten Sprachen Religion und Geschichte studiert hatte, bereits rund drei Jahrzehnte im höheren Schuldienst tätig, davon knapp die Hälfte am altehrwürdigen Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster. Seit 1920 schrieb er regelmäßig Beiträge über schulpolitische Ereignisse, pädagogischen Probleme und zu Fragen der seit langem anstehenden Schulreform für die ,,Vossische Zeitung”, die ,,Berliner Morgenpost”(1) und andere Presseerzeugnisse aus dem Hause Ullstein. Insbesondere dieses journalistische Wirken hatte ihn über den Kreis seiner Kollegen hinaus in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Als der Ullstein Verlag 1923 aufgrund des starken Interesses der Leser an erzieherischen Fragen eine pädagogische Sprechstunde einrichtete, betraute er Oberstudienrat Prof. Dr. Hildebrandt mit deren Leitung. Die neue Beratungsstelle erwarb sich insbesondere bei Eltern sehr schnell einen guten Ruf. Neben dem Schuldienst und seiner vielfältigen publizistischen Tätigkeit war Hildebrandt auch politisch tätig. 1924 war er für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) (2), der er sich schon bald nach der Novemberrevolution von 1918 angeschlossen hatte, in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt worden.

Schülerselbstverwaltung und Berufsorientierung

Hildebrandt nutzte sein neues Betätigungsfeld am Luisenstädtischen Gymnasium, um jene pädagogischen Grundsätze, die er in seinen Zeitungsartikeln, Buchbeiträgen und in der pädagogischen Sprechstunde vertrat, in die Erziehungspraxis umzusetzen. Neue Erkenntnisse auf erziehungswissenschaftlichem Gebiet überprüfte er nun zuerst an seiner Schule auf ihre Realisierbarkeit. Mit zu den ersten Veränderungen an der Schule gehörte die den Schülern gebotene Möglichkeit, ihre Wünsche, Klagen und Beschwerden – auch über Lehrer – unmittelbar beim Rektor vortragen zu können. Zudem räumte er den gewählten Vertretern der Schülerschaft ein breites Mitspracherecht in schulischen Belangen ein. Schülerselbstverwaltung, berufsorientierende Exkursionen in Betriebe, mehrwöchige Aufenthalte im Schullandheim und erlebnisreiche Ferienfahrten waren an seiner Anstalt bald Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus suchte Hildebrandt in Anbetracht der Sorgen und Nöte in vielen Elternhäusern die Schüler durch vielfältige Freizeitangebote noch enger an die Schule zu binden. So bestanden in der Schliemann-Schule ein Schülerorchester, eine Theatergruppe, eine Ruderriege, ein Tennisverein und eine Vielzahl von Arbeitsgemeinschaften zu den unterschiedlichsten Interessengebieten. All das trug dazu bei, dass die Schüler ein unbegrenztes Vertrauen zu Hildebrandt gewannen. Ausdruck dessen war der Name „Ohm Paul“, dem sie ihm gaben. „Ohm Paul“ war der Lehrer und Direktor, an den sich jeder Schüler wenden konnte, „Ohm Paul“ war die Seele der Schule. Vom Umgang Hildebrandts mit seinen Schülern zeugt die folgende überlieferte Episode: ,,… die Tertia hatte wieder einmal etwas Unsagbares ausgefressen. Einige Übeltäter waren gefasst worden und wurden in das Amtszimmer befohlen, wo sie der Hausmeister mit berufsmäßiger Grimmbärtigkeit empfing. Jetzt schlackerten uns doch die Ventile. Mindestens drei Stunden Arrest oder vielleicht sogar den Rausschmiss waren zu gewärtigen. Zerknirscht standen wir vor ,Ohm Paul’ und wagten nicht, zu ihm aufzusehen. Eine beklemmend lange Minute der Stille. Und dann kamen drei Worte, die sich wohl keiner von uns hatte träumen lassen: ,Na, ihr Möpse!’ – Dass sich darauf außer einigen kräftigen moralischen Nasenstübern keine schlimmeren Folgen für uns ergaben, weder Tadel noch Arrest, versteht sich wohl von selbst.”(1)

Eine „merkwürdige frappierende Übereinstimmung“

Vor allem an seine Schüler muss Hildebrandt auch gehabt haben, als er sich schon bald nach der Übernahme des Rektorats mit der Frage einer Umbenennung der Schule befasste. Was galt den Schülern hier im Norden der Stadt noch der an die Gründung der Anstalt erinnernde Name ,,Luisenstädtisches Gymnasium”? Bei der Suche nach einem Namengeber, mit dem sich auch die Schüler identifizieren könnten, fiel seine Wahl auf den Altertumsforscher Heinrich Schliemann(2), den Entdecker von Troja. Doch einflussreiche Kräfte in den Schulbehörden und in der Stadtverwaltung sahen das anders, Sie suchten die Benennung der Schule nach Schliemann mit allen Mitteln zu verhindern. Endlich, nach einem mehr als zweijährigen Ringen setzte sich Hildebrandt durch. Am 20. November 1928 war es so weit: In Anwesenheit von zahlreichen Ehrengästen, darunter dem Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß (5), fand in der Schulaula die Feier anlässlich der Verleihung des Namens Heinrich-Schliemann-Gymnasium statt. In seiner Festansprache würdigte Hildebrandt Leben und Wirken Schliemanns und stellte den Bezug zum Namengeber her und verwies insbesondere auf ,,die merkwürdige frappierende Übereinstimmung zwischen dem Wesen Schliemanns, seinen Tendenzen und Wirkungen, und den Zielen, die wir Unterricht und Erziehung in unserer Anstalt gesteckt haben”(6). Die an Schärfe zunehmenden politischen Kämpfe am Ende der Weimarer Republik machten indes auch vor den Toren der Heinrich-Schliemann-Schule nicht Halt. Doch davon im nächsten Beitrag.

  1. Die ,,Berliner Morgenpost” war mit einer Auflage von 607 000 Exemplaren im Jahre 1925 eine der meistgelesenen Zeitungen in Deutschland.
  2. Von bürgerlich-demokratischen Gruppen in den Tagen der Novemberrevolution 1918 in Berlin gebildete linksliberale Partei. Die DDP hatte wesentlichen Anteil an der Konstituierung und Ausgestaltung der Weimarer Republik und war einer ihrer stärksten Verteidiger gegen Angriffe von rechts und links. Ende 1930 löste sich die DDP auf.
  3. Arnold Bauer: Unser alter Lehrer. In: Horizont, H. 1 vom 9.12.1945.
  4. Heinrich Schliemann (1822–1890) benutzte sein als Kaufmann erworbenes Vermögen, um den Plan aus seiner Jugend, die Schauplätze der Epen Homers zu entdecken, zu verwirklichen. 1871 fand er im Hügel von Hissarlik an den Dardanellen das homerische Troja. Später unternahm er größere Grabungen in Mykene, Tiryns, Ithaka und Orchomenos (Böotien). Die Ergebnisse seiner Forschungen fanden nur langsam Anerkennung. Schliemann gilt als Begründer der archäologischen Grabungsmethoden.
  5. Gustav Böß (1873–1946), 1921–1930 Oberbürgermeister von Berlin.
  6. Jahresbericht der Heinrich-Schliemann-Schule (Gymnasium und Realgymnasium) 1928/1929, S. 90 ff.

K. Grosinski

Paul Hildebrandt

Prof. Dr. Paul Hildebrandt, 1924. Ausschnitt aus einem Klassenfoto (Quelle: Streitsche Stiftungen, Berlin)

Heinrich-Schliemann-Schule

Heinrich-Schliemann-Schule (Gymnasium und Realgymnasium), Ansicht Ystader Straße, Ende der 1920er Jahre (Sammlung Grosinski)


Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 7, Februar 2002, S. 11/12


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