Ringschluss der S-Bahn

02.Mai 2002

Erinnerungen und Geschichte(n)

Am 15. Juni 2002 war es endlich soweit. Fast 41 Jahre nach seiner gewaltsamen Unterbrechung durch die DDR wurde der Berliner S-Bahnring offiziell wiedereröffnet. Damit ist zwölfeinhalb Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ein weiteres Stück Normalität in die Stadt zurückgekehrt.

Strecke ohne Ende
Ich muss gestehen, ich habe auf diesen Tag gewartet. So habe ich es auch genossen, vom gänzlich erneuerten S-Bahnhof Wedding aus mit einem der ersten Züge nach Abschluss der offiziellen Feierlichkeiten auf dieser einstigen „Strecke ohne Ende“ eine Runde mitzufahren.
Als sich der Sonderzug in Richtung Schöneberg endlich in Bewegung setzte, wurden viele Erinnerungen wieder wach. Was war das für uns als Kinder für ein Gaudi, einmal um den Ring zu fahren. Am Fahrkartenschalter des S-Bahnhofs Schönhauser Allee wurde für 20 Pfennig Ost (!) ein Billett gekauft, anschließend drückte der Automat oder ein Bahnangestellter in Uniform, der in einem kleinen als „Wanne“ bezeichneten Häuschen am Eingang zum Bahnsteig saß, mit einer Zange die Buchstaben SA – sie standen für Schönhauser Allee – in den Fahrschein und dann ging’s ab. Es blieb sich gleich, ob wir den S-Bahn-Zug in Richtung Westkreuz über Gesundbrunnen – Jungfernheide – bestiegen oder über Ostkreuz – Treptower Park – Sonnenallee in Richtung Papestraße fuhren. Zumeist haben wir bei unserer Rundreise auf dem Bahnhof Tempelhof einen Zwischenstopp eingelegt. Dort angekommen, begaben wir uns rasch zu dem dem Flugplatz zugekehrten Ende des Bahnsteigs und schauten fasziniert den startenden und landenden Flugzeugen zu. Wenn wir uns endlich satt gesehen hatten, bestiegen wir wieder die Ringbahn und fuhren weiter. Indes ganz so einfach, wie es sich anhört, war es freilich nicht. Denn eigentlich war so eine Fahrt um den gesamten S-Bahn-Vollring mit einer einfachen Fahrkarte nicht erlaubt. Schließlich sollten die Fahrgäste den Ring nur für eine Fahrt vom Ausgangsbahnhof zum Zielbahnhof nutzen. Und da es auch damals bereits Fahrkartenkontrollen gab, durfte man sich mit seinem Fahrschein der Niedrig-Preisstufe1 nicht erwischen lassen, wenn plötzlich etwa in Westend ein Kontrolleur zustieg und seines Amtes waltete und erbost feststellen musste, dass wir bereits Dreiviertel des Rings zurückgelegt hatten. Aber auch das Wissen um diese mögliche Standpauke hielt uns nicht davon ab, schon bald wieder für zwei Groschen einmal um den Ring zu fahren.

Hüben und drüben
Nicht selten sind wir auf der Rückfahrt in Richtung „Heimat“ auf dem S-Bahnhof Gesundbrunnen ausgestiegen. Für uns Jungen vom „Falker“ nahm es sich nicht viel, ob wir vom S-Bahnhof „Schönhauser“ durch die Gleimstraße oder von Gesundbrunnen über die Ramler- und Graunstraße schließlich durch den Gleimtunnel in unserenKiez gelangten. Denn trotz der Spaltung der Stadt, die wir vor allem an den beiden unterschiedlichen Währungen und den Auslagen in den Geschäften merkten, fühlten wir uns gleichermaßen diesseits und jenseits des Gleimtunnels zu Hause. Der Humboldthain mit seinen beiden Bunkerbergen, den Liegewiesen und dem schönen Freibad gehörte ebenso zu unserem Operationsgebiet wie der Falkplatz und der „Exer“ mit seinen Fußballfeldern und Basketballplätzen. Dennoch war natürlich auch uns bewusst, dass zwischen den S-Bahnhöfen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen eine Grenze zwischen zwei recht verschiedenen Welten verlief. Darauf musste nicht erst die Stimme aus dem Lautsprecher aufmerksam machen, welche regelmäßig die mit der S-Bahn aus Richtung Prenzlauer Allee ankommenden Fahrgäste darauf aufmerksam machte, dass der Bahnhof Schönhauser Allee „der letzte Bahnhof im demokratischen Sektor von Berlin“ sei. Doch davon ließen sich die im Zug verbleibenden Fahrgäste offensichtlich nicht beeindrucken, ebenso wenig wie von den regelmäßigen Kontrollen durch die Angehörigen des DDR-Zolls, welche die gen Westen Fahrenden und deren Gepäck zumeist sehr aufmerksam musterten. Letzteres musste in der Regel recht schnell gehen, denn der Zug sollte pünktlich seine Fahrt fortsetzen. Hatten die „Taschenkrebse“, wie die DDR-Zöllner wegen ihrer spezifischen Form der Kontrolltätigkeit an der Sektorengrenze von vielen genannt wurden, einen Verdächtigen aufgespürt, so musste dieser den Zug verlassen und seinem Häscher in einen eigens auf dem Bahnsteig eingerichteten Dienstraum folgen. Dort wurde er weiter kontrolliert, befragt und nicht selten auch visitiert. So hatte der Halt auf dem Bahnhof Schönhauser Allee für jeden, der über diese Station von einem Teil der Stadt in den andren gelangen wollte, immer etwas Beklemmendes. In den Abteilen verstummten die Gespräche, viele Fahrgäste schauten scheinbar gelangweilt durch die Fenster auf den Bahnsteig, andere meinten da draußen mit den Augen etwas besonders angespannt fixieren zu müssen, wieder andere schnaubten verlegen ins Taschentuch. Erst wenn der Zöllner endlich den S-Bahn-Wagen wieder verlassen hatte und über den Lautsprecher die Aufforderung zum Türenschließen und zur Abfahrt ertönte, löste sich die Spannung wieder.

Offensichtlich spielten die Ost-Berliner Behörden seit Mitte der 50er Jahre zeitweilig mit dem Gedanken, die Grenzkontrollen noch effektiver und ergiebiger zu gestalten und zu diesem Zweck zwischen den regulären S-Bahnhöfen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen vor der Grenze einen zusätzlichen Bahnsteig in Dienst zu stellen. Die in Holz ausgeführte Konstruktion, an die ich mich noch gut erinnere– sie ist auf dem beigefügten Foto abgebildet –war von der Fußgängerbrücke über den Bahngraben zwischen Schönfließer und Sonnenburger Straße gut zu überschauen und erstreckte sich etwa bis zur Höhe der Einmündung der Malmöer in die Dänenstraße. Soweit ich mich entsinne wurde dieser „Kontrollbahnhof“ jedoch nie in Betrieb genommen. Mit der Kappung des S-Bahn-Rings und dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wäre er ohnehin überflüssig geworden.
Gehe ich heute über die Fußgängerbrücke an der Sonnenburger Straße und schaue auf die Gleise dort unten, muss ich noch manchmal an dieses Monstrum denken. So, als wollte ich diesen Spuk verscheuchen, warte ich auf den nächsten S-Bahn-Zug und verfolge mit den Augen eine Stück dessen Fahrt auf der „Strecke ohne Ende“.

K. Grosinski

KontrollbahnsteigDer zusätzliche Kontrollbahnsteig an der S-Bahnstrecke zwischen den Stationen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen, ca. 1957 (Sammlung des Verfassers)

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