Stefan Heym und die Heinrich-Schliemann-Schule

22.Mai 2002

Die Realitäten des Lebens und die an Schärfe zunehmenden politischen Kämpfe am Ende der Weimarer Republik machten auch vor den Toren der Heinrich-Schliemann-Schule nicht Halt.

„… Unterricht ganz anderer Art“

Das musste Prof. Dr. Hildebrandt erneut erkennen, als ihn im Oktober 1931 eine verzweifelte Mutter darum bat, ihren Sprössling noch kurz vor dem Abitur an seiner Schule aufzunehmen. Dieser war kurz zuvor wegen eines aufsehenerregenden politischen Gedichts, in dem er die Reichswehr scharf angegriffen hatte, vom Staatsgymnasium Chemnitz relegiert worden. Hildebrandt war bekannt, dass andere Direktoren von Berliner Gymnasien die Bitte der Mutter bereits abgelehnt hatten; er aber nahm den 18jährigen Helmut Flieg ,,ohne Zögern, ohne Sperenzchen” als Schüler an seine Anstalt auf und gab ihm die Möglichkeit, Ostern 1932 an der Heinrich-Schliemann-Schule das Abitur zu machen.

An der Schliemann-Schule erlebte Flieg ,,einen Unterricht ganz anderer Art als den ihm vertrauten: es ging eher zu wie in einem Seminar als in einer Schulklasse, da gab es keine Paukerei, keinen Formelkram, die Lehrer, offenbar ausgesuchte Leute, waren frei von Unsicherheit und gewillt, ihr Wissen zu teilen und ihre Fakten zur Debatte zu stellen. … Auch waren die Schüler, obwohl sozial ganz ähnlich geschichtet wie in Chemnitz, anders: gelassen, weltoffen, bereit, Meinungen gelten zu lassen; keine Rüpel unter ihnen und, wie es schien, auch keine Nazis …” 1 Mit letzterem allerdings – so sollte sich leider schon allzu bald zeigen –, hatte sich der Schüler Helmut Flieg – er wurde später bekannt als Stefan Heym – geirrt. –In seinem stark autobiographisch angelegten Roman „Nachruf“ hat Heym Hildebrandt ein literarisches Denkmal gesetzt. Aus den Zeilen, in denen er Jahrzehnte später seine Zeit an der Schliemann-Schule schilderte, spricht sowohl die Bewunderung für die Atmosphäre an diesem Gymnasium wie auch die hohe Wertschätzung für den Schulleiter. Dank Heyms plastischer Schilderung können wir uns noch heute ein Bild vom damaligen Direktor der Schule machen: ,,… graues, borstiges Haar über quergefurchter hoher Stirn, übergroße graue Augen, plattgedrückte Nase, wulstige Lippen, hatte ein herrliches, fast bellendes, alle Widersacher entwaffnendes Lachen; ich sehe ihn noch vor mir, wie er, irgendwelcher Schwierigkeiten mit seinen Füßen wegen, mit tippelnden Schrittchen durch den Korridor seiner Schule eilt.”2

Ende einer Ära

Wenige Monate nachdem Stefan Heym sich mit Erfolg der Reifeprüfung unterzogen hatte, gab Oberstudiendirektor Hildebrandt das Rektorat der Schliemann-Schule ab. Als er am 1. Oktober 1932 nach Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand ging, standen die Zeichen der Zeit auf Sturm.
Die Nachfolge Hildebrandts als Schulleiter hatte im Dezember 1932 Oberstudiendirektor Dr. Fritz Plagemann angetreten. Ihm war es nur kurze Zeit vergönnt, die Schule auf den von seinem Amtsvorgänger vorgezeichneten Bahnen fortzuführen. Nachdem unter Berufung auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom April 1934 bereits vier Studienräte, vermutlich wegen ihrer jüdischen Herkunft die Schliemann-Schule hatten verlassen müssen, traf es auch den Leiter der Anstalt. Oberstudiendirektor Plagemann musste zum 30. September eine Stelle als Studienrat an einem Gymnasium in Moabit antreten.

Wenig später wurde ein Studienrat, der schon lange das Mitgliedsbuch der Nazipartei besaß, als Direktor eingesetzt. Längst war in die Schule der Ungeist der neuen Machthaber eingezogen, war binnen kurzer Zeit all das vernichtet, was Stefan Heym noch Jahrzehnte später an Bemerkenswertem über seine Monate an der Schliemann-Schule erinnerte. Damit hatte eine rund siebenjährige Blütezeit der 1864 im Süden der Stadt als Luisenstädtisches Gymnasium gegründeten und 1928 in Heinrich-Schliemann-Schule umbenannten Anstalt ein jähes Ende gefunden.

Epilog

Das Kriegsende 1945 brachte für Paul Hildebrandt nicht nur die Erlösung von der Nazidiktatur, sondern auch seine eigene Befreiung – aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Dorthin hatten die Nazis im Dezember 1943 den 73-jährigen verschleppt, nachdem die Eheleute Hildebrandt vom NSDAP-Ortsgruppenleiter von Ramsau bei Berchtesgaden, wohin sie 1939 ihren Wohnsitz verlegt hatten, als ,,versteckte Gegner des nationalen Staates“ denunziert worden waren.1

Es grenzt fast an ein Wunder, dass Hildebrandt die Hölle des KZ überlebte. Als einige seiner ehemaligen Schüler davon erfuhren, dass ihr ehemaliger Lehrer und Direktor nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald nach Berlin zurückgekehrt war, trafen fast täglich Briefe bei ihm ein. So schrieb eine Schüler: ,Das Leben hat uns alle nicht sanft angefaßt. Daß aber auch Sie während der letzten Jahre in Buchenwald waren, hat uns tief erschüttert. Ich kann Ihnen nur versichern, daß meine Erinnerungen an unsere Schuljahre und an unseren verehrten Direktor, der oft genug für uns Lümmel in die Bresche sprang, zu dem Besten gehören, was ich an geistigem Besitz habe.” 2
Sicher haben insbesondere diese Briefe dazu beigetragen, dass sich Prof. Hildebrandt ohne Zögern zur Verfügung stellte, als es galt, den nazistischen Ungeist aus den Köpfen zu räumen und ein demokratisches Bildungswesen in Berlin aufzubauen. Als Referent im Hauptschulamt kümmerte er sich besonders um die Einrichtung von Büchereien für die Ausbildung von Schulhelfern in den Berliner Stadtbezirken. Darüber hinaus wurde er ständiger Mitarbeiter des ,,Telegraf” und des Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS). In seinen Beiträgen für die Presse oder im Rundfunk bezog Paul Hildebrandt Stellung zu den Tagesfragen und schaltete sich insbesondere in die Diskussionen um den Charakter und den Inhalt der neuen Schule in dem zu bildenden demokratischen deutschen Staat ein.
Am 26. November 1948 starb der Altphilologe und Schulreformer, der humanistische Lehrer und Erzieher Prof. Dr. Paul Hildebrandt im Alter von 78 Jahren.3

Nachtrag
Am 26. November 2004 wurde neben dem Eingang der Grundschule am Falkplatz in der Gleimstraße 49 eine Gedenktafel für den Pädagogen, Schulreformer und Publizisten Prof. Dr. Paul Hildebrandt enthüllt. Siehe den Text der Rede, die der Initiator dieser Würdigung, Klaus Grosinski, zu diesem Anlass gehalten hat.

  1. Stefan Heym: Nachruf, Fischer Taschenbuch GmbH, Frankfurt am Main 1990, S.54.

  2. Ebenda, S. 53.

  3. Auch Hildebrandts Frau, Dr. Else Hildebrandt, war verhaftet worden. Sie kam ins KZ Ravensbrück, wo sie umgebracht wurde.

  4. Zit. nach: Ein pädagogischer Jubilar. Telegraf, 21.1.1946.

  5. Wer mehr über das Leben und Wirken Prof. Dr. Paul Hildebrandts, die Geschichte der Schule in der Gleimstraße oder auch über andere Schulen in Prenzlauer Berg erfahren möchte, dem sei schon jetzt der vom Prenzlauer Berg Museum herausgegebene reich illustrierte Sammelband „Schule zwischen gestern und morgen. Beiträge zur Schulgeschichte von Prenzlauer Berg“ empfohlen, der 2002 im Schneider Verlag Hohengehren erschien. Aus ihm wurde auch die Abbildung im vorliegenden Beitrag entnommen.

K. Grosinski

Abiturientenliste

Ausschnitt aus der Liste der Abiturienten der Heinrich-Schliemann-Schule (Gymnasiale Abteilung) von Ostern 1932. Helmut Flieg (laufende Nr. 4) ist Stefan Heym (Quelle: Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin)

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 8, Mai 2002, S. 11/12

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