Sowjet-Panzer in der Schwedter Straße

25.Juni 2003

Erinnerungen an den 17. Juni 1953

In diesen Wochen und Tagen erinnern sich nicht wenige der Vorgänge um den 17. Juni 1953 in Ost-Berlin. So möchte auch ich den 50. Jahrestag des denkwürdigen Datums nutzen, um das aufzuschreiben, was ich als Elfjähriger an diesem Tag in der Gleimstraße und ihrem Umfeld erlebte.

Ich wohnte damals bei meiner Großmutter. Sie hörte bei ihrer Arbeit im Haushalt und beim Schneidern fast den ganzen Tag über Radio. Natürlich den RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), einen anderen Sender kannte ich viele Jahre nicht. Als ich am 16. Juni 1953 von der Schule nach Hause kam, bemerkte ich an meiner Großmutter eine bei ihr bislang nicht gekannte Unruhe. Das Radio war nach meinem Empfinden ziemlich laut eingestellt. Im Unterschied zu sonst wurde die Musik immer wieder von kurzen Meldungen und Interviews unterbrochen. So hörte ich von streikenden Bauarbeitern aus der Stalinallee, von Demonstranten, die durch die Innenstadt zogen und den Rücktritt der DDR-Regierung verlangten.

Von all der Unruhe merkte man bei uns am Falkplatz und Gleimtunnel jedoch nichts.
Das sollte sich am nächsten Tag rasch ändern. Als ich nach der Schule zum Einkaufen geschickt worden war, bemerkte ich auf meinem Weg durch die Gleimstraße, dass sich die Unruhe vom Vortage offenbar noch verstärkt hatte. Ich hörte Berichte über Volkspolizisten, denen Demonstrierende die Schulterstücke von der Uniform heruntergerissen hatten, weil sie ihnen den Weg versperrten. Vor dem HO-Laden kurz vor der Ecke Cantianstraße erzählte jemand, dass eine Gruppe von jungen Männern in die Übertragungsräume im Turm des großen Stadions im Jahn-Sportpark eingedrungen sei. Dort hätten sie die Übertragungsanlagen zerstört und technische Geräte gestohlen.
Ich war noch nicht lange wieder in unsere Wohnung nahe dem Gleimtunnel zurückgekehrt, als ich durch die geöffnete Balkontür undeutlich eine laute Stimme vernahm. Neugierig betrat ich den Balkon und sah vor dem Gleimtunnel einen Mann stehen mit einem großen Trichter vor dem Mund, so wie ihn die Bademeister im Schwimmbad benutzten. In seiner Begleitung befanden sich mehrere andere Männer, die ihm zuhörten. Der Redner erklärte sinngemäß, dass das Ulbricht-Regime gestürzt worden sei, und er rief dazu auf, alles zu beseitigen, was daran erinnerte.

Trotz der mahnende Worte meiner Großmutter eilte ich auf die Straße und sah, wie sich eine wild gestikulierende und johlende Menge von vielleicht zehn oder zwölf Personen von der Ecke Schwedter Straße/Gleimstraße in Bewegung setzte. Ich folgte in angemessener Entfernung. Angeführt wurde der Trupp von dem Mann mit der „Flüstertüte“. Ich erkannte in ihm bald den ehemaligen Inhaber eines Textilladens aus der Gleimstraße, bei dem meine Großmutter des öfteren Schneiderutensilien eingekauft hatte. Als der Laden bereits einige Tage geschlossen war, wusste meine Großmutter zu berichten, dass der Besitzer nach Westberlin geflohen sei, wo er am Wedding ein neues Geschäft eröffnet hätte.

Nachdem der Trupp in mehrere Geschäfte und auch in den Kindergarten an der Ecke Korsörer und Schwedter Straße eingedrungen war, um Bilder von Ulbricht, Pieck und Grotewohl, Fahnen, Losungen und Plakate von den Wänden zu reißen, und einzelne lautstark ihren Unmut über das „Zonenregime“ geäußert hatten, zog man weiter zur Schule. Als die Männer vom Hofeingang aus die Treppe hinaufstürzten, stellte sich ihnen der Direktor meiner Grundschule, Paul Gellermann, in den Weg. Am Revers seiner Jacke trug er das SED-Parteiabzeichen. Der alte Mann vermochte gerade noch die Fremden zum sofortigen Verlassen der Schule aufzufordern, als er auch schon von einem der Eindringlinge am Kragen gepackt und mit einem derben Tritt die Treppe hinabgestoßen wurde. Zum Glück wurde er nicht verletzt, und die Meute zog bald wieder aus der Schule ab, ohne größeren Schaden anzurichten. Denn wie ich später erfuhr, fanden in diesen Tagen an der im nördlichen Teil des Schulhauses untergebrachten Heinrich-Schliemann-Schule die mündlichen Abiturprüfungen statt.

Bevor die Gruppe durch den Gleimtunnel wieder in Richtung Wedding abzog, entzündete man auf der kurz vor der Kreuzung Schwedter Straße/Gleimstraße quer über die Fahrbahn verlaufenden Barriere ein Feuer und überantwortete die requirierten Fahnen, Bilder, Plakate und Losungen dem Feuer.
Am späten Nachmittag rückten mit schrecklichem Getöse sowjetischen Panzer an und bezogen in der Schwedter Straße an der Grenze zum Französischen Sektor Stellung. Angehörige der sowjetischen Streitkräfte riegelten den Gleimtunnel ab. Auf dem Falkplatz entstand ein kleines Feldlager.
Bereits in den Mittagsstunden des 17. Juni hatte der sowjetische Militärkommandant, Generalmajor P. T. Dibrowa, über Ost-Berlin den Ausnahmezustand verhängt. Dieser verbot nicht nur alle Demonstrationen, Versammlungen und Kundgebungen auf allen Straßen und Plätzen, sondern zwischen 21 Uhr und 5 Uhr auch jeden Aufenthalt im Freien. Ein Anschlag mit dem Wortlaut des entsprechenden Befehls hing noch Wochen nach Aufhebung der Einschränkungen und Verbote links neben dem Eingang des Hauses Gleimstraße 56.

K. Grosinski

Befehl

Befehl des sowjetischen Militärkommandanten über die Verhängung des Ausnahmezustandes im sowjetischen Sektor von Berlin (Sammlung Grosinski)

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 12, Juni 2003, S.12/13

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