Meine drei Annäherungen an “Vater Gleim”

28.August 2003

Zum 200. Todestag des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803)

Als ich während meiner Schulzeit 1958 auf einer Radtour in den Harz zum ersten Mal in Halberstadt Station machte, hatte ich ein besonders einprägsames Erlebnis: Bei einem Gang durch die noch vom Krieg gezeichnete Altstadt stand ich unvermittelt vor einem Straßenschild mit der Aufschrift „Gleimstraße“. Ich war so überrascht, dass ich es sofort auf einem Foto festhielt.

Weshalb gab es ausgerechnet hier eine Straße mit demselben Namen wie „meine“ Straße in Berlin? Des Rätsels Lösung fand ich bald. An einem größeren Fachwerkhaus unmittelbar hinter dem Dom entdeckte ich eine Tafel, der ich entnehmen konnte, dass hier in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zu seinem Tode 1803 der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim gewohnt hatte. Jetzt wusste ich, dass der Namengeber meiner Gleimstraße in Berlin ein lange Zeit in Halberstadt lebender Dichter gewesen war. Damit war mein Interesse an diesem heute kaum noch bekannten Literaten zunächst für viele Jahre erloschen. Ich meine sogar, dass ich im Literaturunterricht an der Oberschule außer der Tatsache, dass Gleim Fabeln geschrieben hat, nichts weiter über ihn erfahren habe.

Zweite Annäherung

Erst als ich mich zu Beginn der 90er Jahren intensiver mit der Geschichte der Gleimstraße zu befassen begann und mich dabei auch der Entstehung ihres Namens zuwandte, erwachte wieder meine Neugier. Aus Nachschlagewerken entnahm ich, dass Gleim 1719 in Ermsleben (Ostharz) als viertes Kind eines Obereinnehmers geboren wurde. Nach dem Tod seiner Eltern 1735 ermöglichten ihm wohlhabende Gönner ein Studium der Jura und Philosophie in Halle (Saale). Bereits während der Studentenzeit erwachte sein Interesse an der Literatur. So knüpfte er nicht nur freundschaftliche Bande zu allen bedeutenden Literaten seiner Zeit in Deutschland und der Schweiz, sondern begann neben der Rezeption literarischer Werke auch selbst Texte zu schreiben. Ab 1743 arbeitete er in Berlin als Hauslehrer. Als Stabssekretär des Prinzen Wilhelm von Brandenburg-Schwedt nahm er am Zweiten Schlesischen Krieg teil. 1747 kam Gleim nach Halberstadt, um am Domstift die Stelle des Domsekretärs einzunehmen. 1756 schließlich wurde er Kanonikus (Domherr) des Stifts Walbeck bei Helmstedt.

Dichter und Förderer von Talenten

Die so erreichte finanziell abgesicherte Position ermöglichte es dem Junggesellen auf Lebenszeit, sich in Halberstadt seinen Traum vom Leben als Dichter und Förderer der Kunst zu erfüllen. 1756 erschien sein erstes Buch mit Fabeln. In der Folgezeit veröffentlichte er viele Lieder- und Gedichtsammlungen. Die größte Bekanntheit und weiteste Verbreitung erlangten seine “Preußischen Kriegslieder in den Feldzügen 1756 und 1757 von einem Grenadier“, die er 1758 veröffentlichte. Das Vorwort zu dieser Sammlung schrieb Gotthold Ephraim Lessing. Als wohlwollender Ratgeber wie auch durch stete materielle Hilfsbereitschaft übte „Vater Gleim“, wie er bald von Freunden und Zeitgenossen genannt wurde, auf viele Dichter der Zeit beträchtlichen Einfluss aus.

Gleim war nicht nur Literat, sondern auch Sammler. Weil er nach dem Umzug von Berlin in die Provinz nach Halberstadt im Jahr 1747 den geistigen Austausch und das gesellige Leben der preußischen Metropole vermisste, bat er Freunde und Bekannte, ihn nicht nur mit Briefen, sondern auch mit Porträts zu versorgen. Für letztere schuf Gleim in seinem Wohnhaus eigens einen „Tempel der Freundschaft“ – eine einzigartige Bildnisgalerie mit mehr als 125 Bildern seiner fernen Freunde – allesamt zeitgenössische Autoren und Gelehrte aus Deutschland und der Schweiz. Schon Goethe bewunderte 1805, als er bei seiner Harzreise auch in Halberstadt Station machte, die Gemäldesammlung des zwei Jahre zuvor verstorbenen Dichters.

Ein misslungener Reim

Als ich einer älteren Dame aus unserem Bekanntenkreis von meinem Interesse an Gleim erzählte, fiel ihr sogleich folgende Anekdote ein, die sie in ihrer Schulzeit gehört und seitdem nicht mehr vergessen hatte: Gleim war ein Feind aller Reimereien auf seinen Namen. Auf einer Gesellschaft in Halberstadt wagte in vorgerückter Stunde ein Gast, Bürgermeister eines benachbarten Ortes, einen scherzhaften Trinkspruch auf den anwesenden Dichter. Er erhob sein Glas und rief mit schwungvollem Pathos:

„Hoch lebe jetzt der Vater Gleim,
der unserer Freundschaft dickster Leim!“
Und prompt kam Gleims Antwort:
„Doch Sie, Herr Bürgermeister,
sind dann ihr dünnster Kleister!“

Dritte Annäherung – Wiedersehen nach 42 Jahren

Mit all diesem Wissen um den Namengeber der Gleimstraße ausgestattet, besuchten meine Frau und ich im Jahre 2000 während eines dreitägigen Aufenthalts in Halberstadt auch das Gleimhaus. Es glich nicht im entferntesten jenem grauen Gebäude, dessen Bild ich über Jahrzehnte in meiner Erinnerung bewahrt hatte. Eingerichtet 1862 im ehemaligen Wohnhaus des Dichters, hat das Museum in den letzten Jahren insbesondere im Vorfeld des 200. Todestages Gleims, der in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen begangen wird, eine umfassende Sanierung und Verschönerungskur erfahren. Es beherbergt neben der bereits erwähnten Porträtsammlung die wertvolle historische Bibliothek sowie das reichhaltige Handschriftenarchiv. So ist das Gleimhaus in Halberstadt zugleich Museum und Forschungsstätte zu Leben und Wirken des Literaten. Wer aber meint, ein Besuch lohne sich nur für Insider, der hat weit gefehlt. Ich kann nur empfehlen, sich die größte Porträtsammlung von Dichtern und bedeutenden Gelehrten des 18. Jahrhunderts, die wertvollen Bände aus der von Gleim zusammengetragenen Bibliothek sowie manch schönes Einzelstück aus der Handschriften- und der Grafiksammlung anzuschauen. Und auch an die Kinder ist gedacht: Sie können in einem speziell eingerichteten Raum die Zeit Gleims mit allen Sinnen erfahren.

K. Grosinski

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 13, August 2003, S. 10/11

Artikel gespeichert unter: Historische Orte,Orte


Aktuelle Artikel