Vom “Exer” zum Spiel- und Sportplatz

05.Juni 2004

Aus der Geschichte des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks (I)

„Kommste mit auf’n Exer?“ Wie oft habe ich diese Frage in meiner Kindheit von Schul- oder Spielkameraden gehört oder selbst gestellt. Jeder von uns wusste sofort, dass mit „Exer“ das Gelände zwischen Schwedter, Eberswalder, Cantianstraße und Rhinower Straße gemeint war. Die Bezeichnung für dieses Gebiet hat sich bis heute erhalten, und das obwohl auf dem einstigen Exerzierplatz seit weit über hundert Jahren keine militärischen Übungen stattfinden.

Exerzierplatz „Einsame Pappel“

1825, vor nunmehr 180 Jahren, verkaufte der Grundbesitzer Wilhelm Griebenow (1) ein damals noch weit vor den Toren der Stadt an der Chaussee nach Pankow gelegenes, 27 ha großes Terrain für 9518 Taler an das Preußische Kriegsministerium. Weithin sichtbares Kennzeichen des schon bald vom Alexanderregiment für militärische Übungen genutzten Geländes war eine einzeln stehende, hoch aufragende Pappel an seiner Südseite. Sie gab dem Exerzierplatz den Namen „An der Einsamen Pappel“. Während der Revolution von 1848 versammelten sich bei dem markanten Baum wiederholt demokratische Kräfte der preußischen Hauptstadt.(2) Doch schon bald danach diente das weitläufige Gelände wieder ausschließlich als Exerzierplatz.
Und so blieb es auch noch nach 1860, als längst zahlreiche Häuser die seit 1841 Schönhauser Allee genannte Ausfallstraße nach Pankow säumten. Wie ein Augenzeuge aus jenen Jahren berichtet, war es nicht nur für die Jugend, sondern für alle Bewohner in jedem Jahr ein besonderes Ereignis, wenn das Alexanderregiment seine Übungen für die Frühjahrsparade aufnahm. „An solchem Tage fuhr auch König Wilhelm I., begleitet von seinem Adjutanten, begrüßt von jung und alt, die Schönhauser Allee hinaus zur Ecke der Kastanienallee.“ Hier stieg er zu Pferde, um dem Exerzieren, den Felddienstübungen und dem Sturm auf die im Nordwesten des Platzes gelegenen Schanzen beizuwohnen.(3)
Erst in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts stellte das Militär den Exerzierbetrieb auf dem bereits weitgehend umbauten Gelände ein. Ende 1894 erwog der Militärfiskus sogar den Verkauf des Exers. Vor allem die Königliche Eisenbahndirektion hoffte auf dessen Erwerb, um das Bahngelände an der Schwedter Straße erweitern zu können. Die Stadt aber setzte sich entschieden gegen derartige Pläne, die nicht nur zur Verschiebung der Schwedter Straße, sondern auch zur Verhinderung der Anlegung des Platzes N (des späteren Falkplatzes) geführt hätten, zur Wehr. So genehmigten die Militärbehörden schließlich die Nutzung des Platzes als Erholungsstätte.

Eine Wiege des Berliner Fußballs

Inzwischen aber hatten die Bewohner des Viertels an der Schönhauser Allee den Exer längst für sich entdeckt. Die weite Rasenfläche lud ein zu Spiel und Sport und die schönen Baumreihen am Rande boten angenehme Promenadenwege. In der Woche tummelten sich die Kinder der umliegenden Straßen auf dem Areal. Sonntags aber gehörte der Platz vor allem den Fußballern. So fand 18. April 1892 auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ ein Fußballspiel zwischen dem Berliner und dem Dresdner Fußballclub statt. Die Kicker aus Dresden gewannen 3:0.(4)
Knapp drei Monate später, am 25. Juli 1892, fasste eine Gruppe junger Leute auf dem nahe gelegenen Arkonaplatz den Beschluss, einen Fußballverein zu gründen. Er sollte Hertha heißen. Als Spielort diente dem BFC Hertha 92 (später Hertha BFC) mehr als ein Jahrzehnt der „Exer“. Erst 1904 wich man auf eine neue Sportanlage nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen in der Bellermannstraße aus.(5)

Feilschen um die Nutzung des Exers

Nach der Jahrhundertwende geriet der Exerzierplatz zunehmend ins Blickfeld der Polizei. Ende 1906 beklagten sich die Leiter mehrer nahe gelegener Polizeireviere in Schreiben an das Polizeipräsidium über die unhaltbaren, z. T. sittenwidrigen Zustände auf dem weitläufigen Gelände. Insbesondere in dem Teil nahe der Milastraße, wo der Platz jeder Einfriedung entbehre, hätte allerhand Gesindel ungehinderten Zugang. Das Militär plante schließlich, den Exer mit einer hohen Mauer zu umgeben. Zu Recht weigerte sich die Stadt jedoch, die Kosten für deren Bau zu übernehmen. Indes fanden die Klagen von Anwohnern und die Beschwerden der Polizei bei den Militärbehörden kein Ende. Im Mai 1910 signalisierte das Kriegsministerium sein Einverständnis zum Verkauf eines Teils des Exerzierplatzes „Einsame Pappel“.
Um den Erwerb der Immobilie und vor allem um deren Nutzung entbrannte ein heftiger Streit. Die Interessen der Bahn, die nach wie vor das Gelände des Nordgüterbahnhofs erweitern wollte, kollidierten mit denen der Kirche, die eine Vergrößerung des in der Schönhauser Allee 140 gelegenen Frommelheims plante. Die Stadt bereitete dem Zwist schließlich ein Ende. Nachdem die Stadtverordneten im Juni 1911 zugestimmt hatten, kaufte der Berliner Magistrat 1912 den östlichen Teil des Exerzierplatzes für 6,5 Millionen Mark vom Militärfiskus. Dort sollten – gegen den Willen der Grundbesitzer, die den Bau von Wohnhäusern favorisierten – Spiel- und Sportplätze angelegt und Bäume gepflanzt werden. Der städtische Gartendirektor Brodersen erhielt den Auftrag, einen speziellen Entwurf zur Gestaltung der geplanten Spiel- und Sportanlage nahe der Schönhauser Allee zu erarbeiten.

K. Grosinski

  1. Wilhelm Griebenow besaß mit weit über 500 Morgen Land einen beträchtlichen Anteil am Grundbesitz auf dem Gebiet des späteren Bezirks Prenzlauer Berg. Als er 1865 im Alter von 81 Jahren starb, war er mehrfacher Millionär.
  2. Siehe dazu vom Vf. des vorliegenden Beitrags: Die Einsame Pappel an der Topsstraße. In: Falkblatt, Nr. 14, Dezember 2003, S. 11.
  3. Otto Behrendt/Karl Malbranc: Auf dem Prenzlauer Berg. Beiträge zur Heimatkunde des Bezirks IV Berlin, Frankfurt a. M. und Berlin 1928, S. 34.
  4. Siehe Leipziger Illustrirte Zeitung, Mai 1892. – Vergleiche auch die Abbildung.
  5. Siehe Eberhart Wittig: „Ha-Ho-He Hertha BSC“, München 1971.

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 16, Juni 2004, S. 11

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