“Negerdorf”, Freiluftschule, Sonnenwendfeier

13.August 2004

Aus der Geschichte des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks (II)

Ende 1912 hatte Stadtgartendirektor Brodersen den Plan für die Gestaltung der östlichen Hälfte des ehemaligen Exerzierplatzes fertiggestellt. Er sah eine große Volks- und Spielwiese, öffentliche Plätze für Sport- und Turnverbände sowie Erholungs- und Betätigungsflächen für die Anwohner vor. Mit der Bauausführung wurde noch vor 1914 begonnen.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges gerieten die Arbeiten jedoch rasch ins Stocken und – Ironie der Geschichte – noch einmal dienten Teile des riesigen Areals für militärische Übungen. Diesmal waren es die älteren Schüler aus den umliegenden höheren Schulen, die hier nach dem Unterricht in so genannten Jugendkompanien gedrillt und für den Kriegseinsatz vorbereitet wurden.

“Negerdorf“ und Freiluftschule

Nach Kriegsende kam die Umgestaltung des Areals nur langsam wieder in Gang. Es fehlte an Geld und Arbeitskräften. An der nordöstlichen Ecke des Platzes an der Gaudystraße jedoch entstand ein Planschbecken, das an warmen Tagen die Kinder zum Baden lockte. Die westliche Hälfte aber blieb dem Militär vorbehalten und war mit einer hohen Mauer umgeben.
Zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil des „Exers“ befand sich seit 1915 die Rudolf-Mosse-Straße. Sie verlief als Verlängerung der Sonnenburger von der Gaudy- bis zur Eberswalder Straße. Die Benennung war auf Vorschlag des Berliner Magistrats erfolgt, der mit der Namensgebung nicht nur den Verleger und Begründer eines Zeitungsimperiums Rudolf Mosse (1843-1920) ehrte, sondern vor allem auch dessen jahrzehntelanges soziales Engagement für die Stadt würdigte.
Im Winter 1919/1920 wurde am nordöstlichen Zipfel des „Exers“, an der Grenze zum Falkplatz, eine Holzhaussiedlung zur Unterbringung von Wohnungslosen errichtet.(1) Die 37 Doppelhäuser in Holztafel-Konstruktion hatten 80 Quadratmeter Grundfläche, ein Dachgeschoss, waren beheizbar und vor jeder Reihenhaushälfte befand sich ein Garten. Im Volksmund hieß die Holzhaus-Siedlung Schwedter Straße“, wie sie offiziell genannt wurde, bald „Negerdorf“.
Im südwestlichen Teil, an der Eberswalder Straße, entstand etwa zur gleichen Zeit ein Ambulatorium für tuberkulosekranke Kinder. Es wurde 1922 mit einer Freiluftschule verbunden.(2) Mädchen und Jungen hatten im Wechsel an drei Tagen in der Woche Unterricht und an den anderen drei Wochentagen wurden sie von Ärzten und Schwestern medizinisch betreut.

Sport, Spiel und Freizeitvergnügen

Mitte der 20er Jahre war die bauliche und gärtnerische Gestaltung des „Exers“ im Wesentlichen abgeschlossen. Die Masse der Sportplätze lag an einem Wegekreuz mit baumgefassten Wandelgängen.
Zahlreiche bürgerliche und proletarischen Sportvereine und -gemeinschaften nutzten gern das weiträumige Sport-, Spiel- und Übungsgelände. Auch die umliegenden Schulen verlegten häufig bei günstigem Wetter den Turnunterricht hierher.
Jeweils im Herbst sah man über dem ausgedehnten Terrain ganze Geschwader von Drachen, Tauben und Schwalben hoch in der Luft schweben. Kinder, Jugendliche und sicher auch stolzen Vätern bereitete es Freude, hier ihre selbst gebauten Flugkörper auszuprobieren.
Zu erwähnen bleibt auch, dass Teile des Areals immer wieder an Zirkusse vermietet wurden. Sie schlugen besonders gern am südlichen Ende der Cantianstraße ihre Zelte auf.
Aber nicht nur für Sport und Spiel wurde der Platz genutzt. In den 20er und zu Beginn der 30erJahre fanden hier regelmäßig um den 21. Juni die Feiern zur Sommersonnenwende statt.(3) Sie wurden vor allem von den Arbeitsportvereinen, die auf dem „Exer“ trainierten, vorbereitet und durchgeführt. Bis in die späte Nacht hinein saß man beim Schein des Feuers in geselliger Runde und sang die alt vertrauten Lieder.
Überliefert ist auch, dass das Bezirksamt Prenzlauer Berg in jedem Jahr Anfang August hierher zur „Verfassungsfeier“ einlud. Auf diesen Veranstaltungen, bei denen an die Unterzeichnung der Weimarer Verfassung am 4. August 1919 erinnert wurde, trafen sich regelmäßig die Vertreter der demokratischen Parteien und Organisationen. Nicht selten sprach der Bezirksbürgermeister selbst zu den Versammelten und würdigte den demokratischen Geist der Verfassung von Weimar.

Unter dem NS-Regime

Reden dieses Inhalts waren nicht mehr zu hören, nachdem am 30. Januar 1933 die Nazis die Macht übernommen hatten. Schon bald hallten wieder militärische Kommandos über den ehemaligen Exerzierplatz, wenn Kolonnen der SA (Sturmabteilungen der NSDAP) aufmarschierten oder die älteren Jahrgänge der Hitler-Jugend gedrillt wurden. Mit Argwohn betrachteten nicht wenige Anwohner diese Machtdemonstrationen des neuen Regimes. Vor allem die Arbeitersportler begannen den Platz zunehmend zu meiden.
Ausdruck der Geisteshaltung der neuen Machthaber war die Tilgung des Namens Rudolf-Mosse-Straße. Diese erfolgte 1938 in Verbindung mit der angeordneten Umbenennung von Berliner Straßen, die nach jüdischen Persönlichkeiten benannt worden waren.
Ein Jahr zuvor war die am Südrand des „Exers“ zwischen Cantian- und Eberswalder Straße – vor den neu entstandenen Wohnbauten – gelegene (heutige Tops-) Straße nach einem Nazi-Aktivisten in Ludwigstraße benannt worden.(4)
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Sport-, Spiel- und Grünanlagen auf dem „Exer“ stark zerstört. Besonders schwer betroffen wurden die Bewohner der Siedlung an der Schwedter Straße. Ihre Holzhäuser brannten noch in den letzten Monaten des Krieges nach einem Bombenangriff mit einer Ausnahme alle aus.

K. Grosinski

  1. Siehe hierzu Annett Gröschner: “Das haben hier alle nur Negerdorf genannt“. In: Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine. Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin. Hrsg. vom Prenzlauer Berg Museum, Basisdruck Berlin 1998, S. 283 ff.

  2. Siehe Klaus Grosinski: Prenzlauer Berg. Eine Chronik. Hrsg. vom Kulturamt Prenzlauer Berg, Prenzlauer Berg Museum, Dietz Verlag Berlin, S. 95.

  3. Zu einer solchen Sonnenwendfeier auf dem ehemaligen Exerzierplatz lud beispielsweise die Fichte Wandersparte für den 19. Juni 1930 – Beginn 23 Uhr – ein. (Siehe Kampfgenoss. Monatsschrift des Arbeitersportvereins Fichte – Berlin, H. 5, Mai 1930, S. 56.)

  4. Zu den Straßenbenennungen siehe Straßennamen von A bis Z. Lexikon der aktuellen Namen Berliner Straße und Plätze in vier Bänden, Edition Luisenstadt Berlin 1995

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 17, August 2004, S. 11/12

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