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Kieztreff

Seit 2006 gibt es im Gleimviertel einen “Kieztreff”. Diese Räumlichkeiten stehen allen Interessierten zur Verfügung, die dort Ideen, Aktionen und Veranstaltungen zu planen und durchführen wollen.

Die Geschichte zur Entstehung des Kieztreff lässt sich hier im Blog nachlesen.
Aktuelle Infos sind auf der Website des Bürgervereins zu finden, der die Trägerschaft der Räumlichkeiten übernommen hat.

Kieztreff Gleimviertel
Kopenhagener Straße 50, 10437 Berlin
Tel: 030 44 12 459
E-mail: vorstand@gleimviertel.de
Mobil: 0176 – 49 05 86 69
Fax: 030 47 98 66 24

Sprechzeiten Büros:
Mo 11 – 18 Uhr
Mi 12 – 19 Uhr
Fr 14 – 20 Uhr

jetzt kommentieren? 05. Juni 2009

Colosseum

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Das Colosseum ist ein Kino im Gleimviertel des Berliner Ortsteils Prenzlauer Berg (Bezirk Pankow) an der Schönhauser Allee Ecke Gleimstraße.

Ein Teil des Gebäudes wurde 1894 als Wagenhalle der Berliner Straßenbahn benutzt. Anfangs wurden hier ebenfalls zunächst die Pferde, nach der Umstellung auf elektrischen Betrieb nur noch Busse untergebracht.

Am 12. September 1924 eröffnete das erste Filmtheater an diesem Ort. Es hatte 1000 Plätze für Besucher, welche hier neben Stummfilmaufführungen auch Varietéveranstaltungen mit Orchesterbegleitung erleben konnten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kino geschlossen; die Räume wurden als Lazarett genutzt. Nach Kriegsende diente das Gebäude als Wärmehalle, in der gelegentlich Kinovorführungen stattfanden. Im Anschluss daran wurde hier die Spielstätte des Metropol-Theaters eingerichtet, da dessen Gebäude im Krieg zerstört wurde.

Nach einem Umbau unter der Leitung von Karl-August Borchardt eröffnete das Kino am 2. Mai 1957 erneut. Bis zur Errichtung des Kino International 1963 war das Colosseum das Premierenkino Ost-Berlins und damit der gesamten DDR.

Nach der Wende 1989 wurde das staatliche Kino durch die Treuhandanstalt privatisiert. Der Berliner Filmproduzent Artur Brauner und die Sputnik-Gruppe erwarben 1992 das Kino sowie die alten Gebäude des Busdepots auf dem Nachbargrundstück.

Seit einer grundlegenden Sanierung 1996–97, mit einem Neubau auf beiden Grundstücken kombiniert, besitzt das Multiplex-Kino heute 2800 Plätze in zehn Kinosälen. Das Kino steht als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Ab 1992 übernahm die Sputnik Colosseum Betrieb KG die Führung des Unternehmens. Dieser folgte 1997 eine gemeinsame Betreibergesellschaft mit der Cinemaxx AG. Nach der Kündigung durch die Cinemaxx AG übernahm am 1. September 2006 die Firma UCI den Betrieb des Kinos.

Quelle: Wikipedia
Foto: Thomas Duchnicki / Flickr

jetzt kommentieren? 02. September 2008

Jugendfarm Moritzhof

Moritzhof

Die Jugendfarm Moritzhof ist eine Einrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und befindet sich in freier Trägerschaft des Vereins Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg e.V. Die Jugendfarm Moritzhof bietet umfangreiche Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Den Kindern und Jugendlichen soll, unabhängig von ihren wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen, die Möglichkeit gegeben werden, sich durch den Umgang mit Tieren und anderen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sozial zu entwickeln.

Zielgruppe für alle kostenlosen Angebote sind alle 6- bis 16jährigen Kinder und Jugendlichen. Die Kinder beteiligen sich aktiv an der Gestaltung und der Arbeit auf dem Hof, ihre Ideen und Vorstellungen werden gemeinsam diskutiert und umgesetzt. Im Rahmen der pädagogischen Zielsetzung lernen die Kinder natürliche Kreisläufe kennen, landwirtschaftliche Nutztiere unter Anleitung betreuen sowie ökologischen Gartenbau betreiben.

In Zusammenarbeit mit verschiedenen anderen Projekten ist die Jugendfarm Moritzhof ein sozialer Treffpunkt für den Kiez. Hier gibt es ein Spielhaus, und neben Kaninchen und Meerschweinchen sind hier auch Pferde, Ziegen, Schafe, Hühner, Gänse und Enten, ein Hund und eine Katze zu Hause.

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Angebote/Aktivitäten:

  • Projektarbeit gemeinsam mit den Kindern
  • Alte Gewerke  (Filzen, Schmieden, Töpfern, Korbmachen usw.) 
  • Tierpflege / Reitprojekt 
  • Gartenarbeit 
  • Durchführung von Veranstaltungen (z. B. Feste, Ökoprojekte usw.) 
  • nach Absprache Betreuung von Schulklassen und Kitagruppen 

Zielgruppen:
Kinder & Jugendliche im Alter von 6 – 16 

Öffnungszeiten:
Montag – Freitag 11:30 – 18:00 Uhr im Sommer 18:30 Uhr 
Samstag 13:00 – 18:00 Uhr 

Samstag ist die Jugendfarm Moritzhof für alle großen und kleinen Gäste, interessierte Eltern und Besucher geöffnet. 

Weitere Infos unter: www.jugendfarm-moritzhof.de

jetzt kommentieren? 20. August 2008

Sportstätte mit Zukunft

Aus der Geschichte des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks (IV)

Am 21. Februar 1990 beschloss die Stadtbezirksversammlung Prenzlauer Berg, auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen Eberswalder Straße und Gleimstraße einen „Mauerpark“ zu errichten. Sie folgte damit einem Vorschlag des „Runden Tisches“ der Parteien und Organisationen des Bezirks, der nach dem Mauerfall als demokratisch legitimierte Vertretung gebildet worden war. Vier Monate später, am 18. Juni 1990, wurde aus dem Mauerstreifen vor dem Gleimtunnel das erste Segment entfernt. Ein Vierteljahr danach erfolgte die Freigabe des Tunnels zunächst für Fußgänger und Radfahrer und am 5. Oktober 1993 – trotz massiver Proteste der Anwohner auf beiden Seiten des Bauwerks – schließlich auch für Pkws.
Nach der Öffnung der Mauer rückte auch das Gelände des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks rasch ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Gemäß dem Nutzungskonzept des Berliner Senats für die Sportstätte standen die weiträumigen Sportanlagen sehr schnell wieder für den bezirklichen Schul- und Vereinssport zur Verfügung. Das Stadion, obwohl schon längst nicht mehr im Bestzustand, wurde von verschiedenen Fußballclubs, darunter von Blau Weiß 90, dem ältesten Fußballverein Berlins, und dem größten türkischen Fußballklub der Stadt, Türkiyemspor Berlin e. V., als Heimspielstätte genutzt.(1) Als sich herausstellte, dass die Stahlkonstruktion der Haupttribüne mit gesundheitsschädlichen Asbestzementplatten ausgekleidet war, wurde die Anlage Ende 1991 geschlossen und mit beträchtlichem finanziellen Aufwand renoviert und modernisiert.

Im Olympiafieber

Das Interesse am Jahn-Sportpark wuchs um ein Vielfaches, als sich das vereinte Berlin beim IOC um die Austragung der Olympischen Sommerspiele 2000 bewarb. Nach den Vorstellungen der Stadtväter und Sportverantwortlichen sollte er einer der zentralen Standorte der olympischen Wettkampfstätten werden. Vorgesehen war der Bau einer Boxsporthalle für 10 000 Zuschauer. Ihr sollte sich zur Eberswalder Straße hin eine Judo-Halle mit 6 000 Plätzen anschließen. Während die Architekturwettbewerbe für die Neugestaltung des ehemaligen „Exers“ liefen, diente das nach Abschluss seiner Sanierung als bundesligatauglich eingestufte Stadion wiederholt als Austragungsort von hochrangigen Fußballspielen. Aber nicht nur das. Für viele völlig überraschend trat am 4. September 1992 US-Rockstar Michael Jackson vor 40 000 begeisterten Zuhörern in der Spielstätte auf. Das Konzert hatte ursprünglich auf dem Maifeld am Olympiastadion stattfinden sollen.

Mehrzweckhalle vom Feinsten

Nach dem Scheitern der Olympiawerbung Berlins im September 1993(2) wurde das Projekt der Boxsporthalle im Gegensatz zur Judohalle nicht zurückgestellt. Sie sollte jetzt jedoch als Mehrzweckhalle entstehen und eine multifunktionale Nutzung gestatten. Sieger im Wettbewerb wurde das von den Architekten Jörg Joppien, Anett-Maud Joppien und Albert Dietz eingereichte Projekt. Die Jury hatte sich für das von ihnen geplante Bauwerk auch deshalb entschieden, weil es sich der Landschaft am Falkplatz und am Mauerpark unterordnete und sein erhebliches Volumen von 320 000 m³ nur erahnen ließ.
Am 23. Juni 1993 erfolgte die Grundsteinlegung und knapp dreieinhalb Jahre später am 14. Dezember 1997 wurde die Großsporthalle im Beisein des Namengebers, des 91-jährigen deutschen Boxidols Max Schmeling, unter dem Jubel der vielen tausend Zuschauer und zahlreicher Ehrengäste offiziell eingeweiht. Die Max-Schmeling-Halle mit rund 8 000 Plätzen auf den Tribünen – bei der Bestuhlung des Innenraums kommen noch 2 000 Plätze hinzu – und weiteren 1 500 Plätzen in den drei kleineren Sporthallen wurde zum größten Sporthallen- und Mehrzweckbau in Berlin.(3)
Welche vielfältigen Möglichkeiten die neue Halle eröffnete, lässt sich am besten an der Bandbreite der hier seit ihrer Fertigstellung durchgeführten sportlichen Wettkämpfe und kulturellen Veranstaltungen ermessen. Ob Weltmeisterschaft im Formationstanz, Militärmusikfestival, Rock- und Pop-Konzerte mit internationalen Stars, hochkarätige Handball-Länderspiele, Boxkämpfe oder die Spiele des mehrfachen deutschen Basketballmeisters Alba-Berlin – die Halle bietet höchsten technischen Standard, eine sehr gute Akustik und ansprechenden Service für die Zuschauer.

Zukunftsfähig

Knapp anderthalb Jahre nach der Grundsteinlegung für den Bau der Max-Schmeling-Halle war am 12. November 1994 der erste Abschnitt des Mauerparks zwischen Eberswalder Straße und Gleimtunnel übergeben worden. Die nach dem Projekt des Hamburger Gartenarchitekten Prof. Gustav Lange gestaltete Anlage enthielt viele attraktive Angebote für Freizeit und Erholung. Zudem erinnerte ein auf der westlichen Anhöhe zum Jahn-Sportpark gelegener 140 Meter langer Teil der ehemaligen Berliner Mauer an die mehr als 28-jährige Teilung der Stadt. Vermisst aber wurde von vielen Bewohnern aus dem Kiez der Kinderbauernhof, der ursprünglich Teil des 1. Mauerparkabschnitts sein sollte. Er wurde erst 1999 nach schier endlosen Querelen um seine Finanzierung übergeben.(4)
Mehrere Jahre diente der Jahn-Sportpark auch dem American-Football-Team von „Berlin Thunders“ als Spielstätte. In der Hoffnung auf höhere Besucherzahlen zog der Verein jedoch Anfang 2003 zum Olympia-Stadion. Überhaupt war die Sportstätte im Norden Berlins nach dem Mauerfall häufig als Ersatz für das Olympia-Stadion, dessen Sanierung und Modernsierung im Jahr 2002 begonnen hatte, angesehen worden. So trafen sich hier 2002 und 2003 auch Top-Leichtathleten aus aller Welt zum Internationalen Stadionfest (ISTAF) und lieferten sich vor voll besetzten Stadionrängen packende Wettkämpfe. Zwar war das Stadion mit 21 000 Zuschauerplätzen wesentlich kleiner als die Arena in Charlottenburg, aber es bot modernste Stadiontechnik und ermöglichte den Zuschauern eine bessere Übersicht über die sportlichen Vergleiche. Beim 62. ISTAF 2003 im Jahn-Sportpark gab es sogar eine Premiere: Erstmals in der Geschichte der Stadionfeste wurde neben den sportlichen Wettbewerben ein unterhaltsames Rahmenprogramm geboten, zu dessen Höhepunkten ein Live-Konzert mit Yvonne Catterfield zählte.
Die Sportanlagen an der Cantianstraße profitierten seit Ende der 90er Jahre auch von der Stilllegung des Stadions der Weltjugend an der Chausseestraße, das dem Bau einer großzügig geplanten, aber nie realisierten Wettkampfstätte weichen musste. Der dadurch entstandene Verlust an Trainingsplätzen- und Spielflächen für den Vereinssport wurde zum Teil durch den Bau von entsprechenden Anlagen im Jahn-Sportpark ausgeglichen.

Ausblick

Seit 2004 findet das ISTAF wieder im Olympiastadion statt und auch zahlreiche andere Veranstaltungen werden wieder bevorzugt dort ausgetragen. Dennoch wird der im Zentrum der Stadt verkehrsgünstig gelegene Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark auch künftig als Austragungsort von nationalen und internationalen Sportwettkämpfen und von Großveranstaltungen einen herausragenden Platz unter den Berliner Sportstätten und vergleichbaren Veranstaltungsorten einnehmen. Ganz zu schweigen von seiner wichtigen Rolle im Schul-, Vereins- und Freizeitsport. Aber die Zahl derer, die vom „Exer“ sprechen, wenn sie das Gelände des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks meinen, wird sich weiter ständig verringern.

K. Grosinski

  1. Siehe Berlin Handbuch. Das Lexikon der Bundeshauptstadt, FAB Verlag, Berlin 2002, S. 414 f.

  2. Das Internationale Olympische Komitee vergab auf seiner Tagung am 23. September 1993 die Olympischen Sommersiele im Jahre 2000 nach Sydney (Australien).

  3. Berlin und seine Bauten. Hrsg. vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin, Teil VII, Band C: Sportbauten, Berlin 1997, 105.

  4. Der Kinderbauernhof öffnete schließlich 1999 etwas weiter nördlich seine Pforten und heißt seit 2003 „Jugendfarm Moritzhof“.

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 19, September 2005, S. 10/11

jetzt kommentieren? 07. September 2005

“Negerdorf”, Freiluftschule, Sonnenwendfeier

Aus der Geschichte des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks (II)

Ende 1912 hatte Stadtgartendirektor Brodersen den Plan für die Gestaltung der östlichen Hälfte des ehemaligen Exerzierplatzes fertiggestellt. Er sah eine große Volks- und Spielwiese, öffentliche Plätze für Sport- und Turnverbände sowie Erholungs- und Betätigungsflächen für die Anwohner vor. Mit der Bauausführung wurde noch vor 1914 begonnen.
Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges gerieten die Arbeiten jedoch rasch ins Stocken und – Ironie der Geschichte – noch einmal dienten Teile des riesigen Areals für militärische Übungen. Diesmal waren es die älteren Schüler aus den umliegenden höheren Schulen, die hier nach dem Unterricht in so genannten Jugendkompanien gedrillt und für den Kriegseinsatz vorbereitet wurden.

“Negerdorf“ und Freiluftschule

Nach Kriegsende kam die Umgestaltung des Areals nur langsam wieder in Gang. Es fehlte an Geld und Arbeitskräften. An der nordöstlichen Ecke des Platzes an der Gaudystraße jedoch entstand ein Planschbecken, das an warmen Tagen die Kinder zum Baden lockte. Die westliche Hälfte aber blieb dem Militär vorbehalten und war mit einer hohen Mauer umgeben.
Zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil des „Exers“ befand sich seit 1915 die Rudolf-Mosse-Straße. Sie verlief als Verlängerung der Sonnenburger von der Gaudy- bis zur Eberswalder Straße. Die Benennung war auf Vorschlag des Berliner Magistrats erfolgt, der mit der Namensgebung nicht nur den Verleger und Begründer eines Zeitungsimperiums Rudolf Mosse (1843-1920) ehrte, sondern vor allem auch dessen jahrzehntelanges soziales Engagement für die Stadt würdigte.
Im Winter 1919/1920 wurde am nordöstlichen Zipfel des „Exers“, an der Grenze zum Falkplatz, eine Holzhaussiedlung zur Unterbringung von Wohnungslosen errichtet.(1) Die 37 Doppelhäuser in Holztafel-Konstruktion hatten 80 Quadratmeter Grundfläche, ein Dachgeschoss, waren beheizbar und vor jeder Reihenhaushälfte befand sich ein Garten. Im Volksmund hieß die Holzhaus-Siedlung Schwedter Straße“, wie sie offiziell genannt wurde, bald „Negerdorf“.
Im südwestlichen Teil, an der Eberswalder Straße, entstand etwa zur gleichen Zeit ein Ambulatorium für tuberkulosekranke Kinder. Es wurde 1922 mit einer Freiluftschule verbunden.(2) Mädchen und Jungen hatten im Wechsel an drei Tagen in der Woche Unterricht und an den anderen drei Wochentagen wurden sie von Ärzten und Schwestern medizinisch betreut.

Sport, Spiel und Freizeitvergnügen

Mitte der 20er Jahre war die bauliche und gärtnerische Gestaltung des „Exers“ im Wesentlichen abgeschlossen. Die Masse der Sportplätze lag an einem Wegekreuz mit baumgefassten Wandelgängen.
Zahlreiche bürgerliche und proletarischen Sportvereine und -gemeinschaften nutzten gern das weiträumige Sport-, Spiel- und Übungsgelände. Auch die umliegenden Schulen verlegten häufig bei günstigem Wetter den Turnunterricht hierher.
Jeweils im Herbst sah man über dem ausgedehnten Terrain ganze Geschwader von Drachen, Tauben und Schwalben hoch in der Luft schweben. Kinder, Jugendliche und sicher auch stolzen Vätern bereitete es Freude, hier ihre selbst gebauten Flugkörper auszuprobieren.
Zu erwähnen bleibt auch, dass Teile des Areals immer wieder an Zirkusse vermietet wurden. Sie schlugen besonders gern am südlichen Ende der Cantianstraße ihre Zelte auf.
Aber nicht nur für Sport und Spiel wurde der Platz genutzt. In den 20er und zu Beginn der 30erJahre fanden hier regelmäßig um den 21. Juni die Feiern zur Sommersonnenwende statt.(3) Sie wurden vor allem von den Arbeitsportvereinen, die auf dem „Exer“ trainierten, vorbereitet und durchgeführt. Bis in die späte Nacht hinein saß man beim Schein des Feuers in geselliger Runde und sang die alt vertrauten Lieder.
Überliefert ist auch, dass das Bezirksamt Prenzlauer Berg in jedem Jahr Anfang August hierher zur „Verfassungsfeier“ einlud. Auf diesen Veranstaltungen, bei denen an die Unterzeichnung der Weimarer Verfassung am 4. August 1919 erinnert wurde, trafen sich regelmäßig die Vertreter der demokratischen Parteien und Organisationen. Nicht selten sprach der Bezirksbürgermeister selbst zu den Versammelten und würdigte den demokratischen Geist der Verfassung von Weimar.

Unter dem NS-Regime

Reden dieses Inhalts waren nicht mehr zu hören, nachdem am 30. Januar 1933 die Nazis die Macht übernommen hatten. Schon bald hallten wieder militärische Kommandos über den ehemaligen Exerzierplatz, wenn Kolonnen der SA (Sturmabteilungen der NSDAP) aufmarschierten oder die älteren Jahrgänge der Hitler-Jugend gedrillt wurden. Mit Argwohn betrachteten nicht wenige Anwohner diese Machtdemonstrationen des neuen Regimes. Vor allem die Arbeitersportler begannen den Platz zunehmend zu meiden.
Ausdruck der Geisteshaltung der neuen Machthaber war die Tilgung des Namens Rudolf-Mosse-Straße. Diese erfolgte 1938 in Verbindung mit der angeordneten Umbenennung von Berliner Straßen, die nach jüdischen Persönlichkeiten benannt worden waren.
Ein Jahr zuvor war die am Südrand des „Exers“ zwischen Cantian- und Eberswalder Straße – vor den neu entstandenen Wohnbauten – gelegene (heutige Tops-) Straße nach einem Nazi-Aktivisten in Ludwigstraße benannt worden.(4)
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Sport-, Spiel- und Grünanlagen auf dem „Exer“ stark zerstört. Besonders schwer betroffen wurden die Bewohner der Siedlung an der Schwedter Straße. Ihre Holzhäuser brannten noch in den letzten Monaten des Krieges nach einem Bombenangriff mit einer Ausnahme alle aus.

K. Grosinski

  1. Siehe hierzu Annett Gröschner: “Das haben hier alle nur Negerdorf genannt“. In: Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine. Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin. Hrsg. vom Prenzlauer Berg Museum, Basisdruck Berlin 1998, S. 283 ff.

  2. Siehe Klaus Grosinski: Prenzlauer Berg. Eine Chronik. Hrsg. vom Kulturamt Prenzlauer Berg, Prenzlauer Berg Museum, Dietz Verlag Berlin, S. 95.

  3. Zu einer solchen Sonnenwendfeier auf dem ehemaligen Exerzierplatz lud beispielsweise die Fichte Wandersparte für den 19. Juni 1930 – Beginn 23 Uhr – ein. (Siehe Kampfgenoss. Monatsschrift des Arbeitersportvereins Fichte – Berlin, H. 5, Mai 1930, S. 56.)

  4. Zu den Straßenbenennungen siehe Straßennamen von A bis Z. Lexikon der aktuellen Namen Berliner Straße und Plätze in vier Bänden, Edition Luisenstadt Berlin 1995

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 17, August 2004, S. 11/12

jetzt kommentieren? 13. August 2004

Vom “Exer” zum Spiel- und Sportplatz

Aus der Geschichte des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks (I)

„Kommste mit auf’n Exer?“ Wie oft habe ich diese Frage in meiner Kindheit von Schul- oder Spielkameraden gehört oder selbst gestellt. Jeder von uns wusste sofort, dass mit „Exer“ das Gelände zwischen Schwedter, Eberswalder, Cantianstraße und Rhinower Straße gemeint war. Die Bezeichnung für dieses Gebiet hat sich bis heute erhalten, und das obwohl auf dem einstigen Exerzierplatz seit weit über hundert Jahren keine militärischen Übungen stattfinden.

Exerzierplatz „Einsame Pappel“

1825, vor nunmehr 180 Jahren, verkaufte der Grundbesitzer Wilhelm Griebenow (1) ein damals noch weit vor den Toren der Stadt an der Chaussee nach Pankow gelegenes, 27 ha großes Terrain für 9518 Taler an das Preußische Kriegsministerium. Weithin sichtbares Kennzeichen des schon bald vom Alexanderregiment für militärische Übungen genutzten Geländes war eine einzeln stehende, hoch aufragende Pappel an seiner Südseite. Sie gab dem Exerzierplatz den Namen „An der Einsamen Pappel“. Während der Revolution von 1848 versammelten sich bei dem markanten Baum wiederholt demokratische Kräfte der preußischen Hauptstadt.(2) Doch schon bald danach diente das weitläufige Gelände wieder ausschließlich als Exerzierplatz.
Und so blieb es auch noch nach 1860, als längst zahlreiche Häuser die seit 1841 Schönhauser Allee genannte Ausfallstraße nach Pankow säumten. Wie ein Augenzeuge aus jenen Jahren berichtet, war es nicht nur für die Jugend, sondern für alle Bewohner in jedem Jahr ein besonderes Ereignis, wenn das Alexanderregiment seine Übungen für die Frühjahrsparade aufnahm. „An solchem Tage fuhr auch König Wilhelm I., begleitet von seinem Adjutanten, begrüßt von jung und alt, die Schönhauser Allee hinaus zur Ecke der Kastanienallee.“ Hier stieg er zu Pferde, um dem Exerzieren, den Felddienstübungen und dem Sturm auf die im Nordwesten des Platzes gelegenen Schanzen beizuwohnen.(3)
Erst in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts stellte das Militär den Exerzierbetrieb auf dem bereits weitgehend umbauten Gelände ein. Ende 1894 erwog der Militärfiskus sogar den Verkauf des Exers. Vor allem die Königliche Eisenbahndirektion hoffte auf dessen Erwerb, um das Bahngelände an der Schwedter Straße erweitern zu können. Die Stadt aber setzte sich entschieden gegen derartige Pläne, die nicht nur zur Verschiebung der Schwedter Straße, sondern auch zur Verhinderung der Anlegung des Platzes N (des späteren Falkplatzes) geführt hätten, zur Wehr. So genehmigten die Militärbehörden schließlich die Nutzung des Platzes als Erholungsstätte.

Eine Wiege des Berliner Fußballs

Inzwischen aber hatten die Bewohner des Viertels an der Schönhauser Allee den Exer längst für sich entdeckt. Die weite Rasenfläche lud ein zu Spiel und Sport und die schönen Baumreihen am Rande boten angenehme Promenadenwege. In der Woche tummelten sich die Kinder der umliegenden Straßen auf dem Areal. Sonntags aber gehörte der Platz vor allem den Fußballern. So fand 18. April 1892 auf dem Exerzierplatz „Einsame Pappel“ ein Fußballspiel zwischen dem Berliner und dem Dresdner Fußballclub statt. Die Kicker aus Dresden gewannen 3:0.(4)
Knapp drei Monate später, am 25. Juli 1892, fasste eine Gruppe junger Leute auf dem nahe gelegenen Arkonaplatz den Beschluss, einen Fußballverein zu gründen. Er sollte Hertha heißen. Als Spielort diente dem BFC Hertha 92 (später Hertha BFC) mehr als ein Jahrzehnt der „Exer“. Erst 1904 wich man auf eine neue Sportanlage nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen in der Bellermannstraße aus.(5)

Feilschen um die Nutzung des Exers

Nach der Jahrhundertwende geriet der Exerzierplatz zunehmend ins Blickfeld der Polizei. Ende 1906 beklagten sich die Leiter mehrer nahe gelegener Polizeireviere in Schreiben an das Polizeipräsidium über die unhaltbaren, z. T. sittenwidrigen Zustände auf dem weitläufigen Gelände. Insbesondere in dem Teil nahe der Milastraße, wo der Platz jeder Einfriedung entbehre, hätte allerhand Gesindel ungehinderten Zugang. Das Militär plante schließlich, den Exer mit einer hohen Mauer zu umgeben. Zu Recht weigerte sich die Stadt jedoch, die Kosten für deren Bau zu übernehmen. Indes fanden die Klagen von Anwohnern und die Beschwerden der Polizei bei den Militärbehörden kein Ende. Im Mai 1910 signalisierte das Kriegsministerium sein Einverständnis zum Verkauf eines Teils des Exerzierplatzes „Einsame Pappel“.
Um den Erwerb der Immobilie und vor allem um deren Nutzung entbrannte ein heftiger Streit. Die Interessen der Bahn, die nach wie vor das Gelände des Nordgüterbahnhofs erweitern wollte, kollidierten mit denen der Kirche, die eine Vergrößerung des in der Schönhauser Allee 140 gelegenen Frommelheims plante. Die Stadt bereitete dem Zwist schließlich ein Ende. Nachdem die Stadtverordneten im Juni 1911 zugestimmt hatten, kaufte der Berliner Magistrat 1912 den östlichen Teil des Exerzierplatzes für 6,5 Millionen Mark vom Militärfiskus. Dort sollten – gegen den Willen der Grundbesitzer, die den Bau von Wohnhäusern favorisierten – Spiel- und Sportplätze angelegt und Bäume gepflanzt werden. Der städtische Gartendirektor Brodersen erhielt den Auftrag, einen speziellen Entwurf zur Gestaltung der geplanten Spiel- und Sportanlage nahe der Schönhauser Allee zu erarbeiten.

K. Grosinski

  1. Wilhelm Griebenow besaß mit weit über 500 Morgen Land einen beträchtlichen Anteil am Grundbesitz auf dem Gebiet des späteren Bezirks Prenzlauer Berg. Als er 1865 im Alter von 81 Jahren starb, war er mehrfacher Millionär.
  2. Siehe dazu vom Vf. des vorliegenden Beitrags: Die Einsame Pappel an der Topsstraße. In: Falkblatt, Nr. 14, Dezember 2003, S. 11.
  3. Otto Behrendt/Karl Malbranc: Auf dem Prenzlauer Berg. Beiträge zur Heimatkunde des Bezirks IV Berlin, Frankfurt a. M. und Berlin 1928, S. 34.
  4. Siehe Leipziger Illustrirte Zeitung, Mai 1892. – Vergleiche auch die Abbildung.
  5. Siehe Eberhart Wittig: „Ha-Ho-He Hertha BSC“, München 1971.

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 16, Juni 2004, S. 11

jetzt kommentieren? 05. Juni 2004

Hermann Tops

Ein Arbeitersportler und Kämpfer gegen das NS-Regime aus dem Kiez

Wer mit wachen Augen von der U-Bahn-Station Eberswalder Straße kommend, die Schönhauser Allee in Richtung Pankow entlang geht, der wird, kurz bevor er den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark erreicht, eine schmale Straße entdecken – die Topsstraße. Zusammen mit der Eberswalder Straße bildet sie die südliche Begrenzung des Sportparks. Benannt wurde sie nach dem antifaschistischen Widerstandskämpfer Hermann Tops.

Sie nannten ihn „Männe“

Der mit der Benennung einer Straße Geehrte wurde am 18. Juli 1897 in Prenzlauer Berg geboren. Nach der Volksschule erlernte er den Beruf eines Werkzeugmachers. 1919 schloss er sich dem Metallarbeiterverband und der Sozialistischen Arbeiterjugend an. 1923 wurde er Mitglied der KPD und Betriebsratsvorsitzender. Von früher Jugend an war er aktiv im Arbeitersportverein „Fichte“ tätig. Er trainierte in der an der Ystader Straße gelegenen Sporthalle des ehemaligen Luisenstädtischen Gymnasiums und betreute dort auch Turnernachwuchs. Ende der 1920er Jahre wurde „Männe“ – wie seine Sportfreunde Hermann Tops gern nannten – für seine Partei in die Bezirksverordnetenversammlung Prenzlauer Berg gewählt. Als Arbeitersportler übte er seit Ende 1931 die Funktion des Turnwarts von Berlin-Brandenburg im Vorstand der „Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit“ (1) aus. Als nach dem 30. Januar 1933 die NS-Machthaber die kommunistischen und sozialdemokratischen Sportorganisationen verboten, gelang es ganzen Gruppen von Arbeitersportlern aus Prenzlauer Berg, in politisch unverdächtigen Sportvereinigungen, vor allem im „Berliner Turnverein 1862“, unterzukommen. Bald tauchten dort auch illegale Flugblätter gegen das NS-Regime auf. Der Gestapo konnte die politischen Aktivitäten der ehemaligen Roten Sportler nicht verborgen bleiben. Als am 12. Oktober 1933 Mitglieder der zentralen wie der örtlichen Leitung der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit verhaftet wurden, befand sich unter ihnen auch Hermann Tops. Wegen seiner antifaschistischen Tätigkeit wurde er zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Kaum entlassen, nahm er wieder am illegalen Kampf gegen die NS-Diktatur teil. Als Mitarbeiter einer Maschinenbaufirma in Berlin-Wittenau begann er mit dem Aufbau illegaler Widerstandsgruppen in Berliner Rüstungsbetrieben. 1939 schloss er sich wie viele andere frühere Arbeitersportler der von Robert Uhrig geleiteten Widerstandsgruppe an und wurde zum Verbindungsmann der Uhrig-Gruppe zu der großen Widerstandsorganisation um den Kommunisten von Anton Saefkow, die im Berliner Nordosten mehrere Stützpunkte im betrieblichen Bereich besaß. Am 4. Februar 1942 wurde Hermann Tops erneut verhaftet, nach qualvoller Kerkerhaft im Juni 1944 zusammen mit Ernst Knaack, Heinrich Preuß, Wilhelm Rietze, Artur Sodtke und anderen Arbeiterfunktionären aus Prenzlauer Berg zum Tode verurteilt und am 14. August 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.

Im Gedenken an Hermann Tops

Seit 31. Januar 1952 trägt die Topsstraße seinen Namen. 25 Jahre später erhielt die nur wenige hundert Meter vom letzten Wohnsitz von Hermann Tops entfernt liegende 8. Polytechnische Oberschule (POS) Prenzlauer Berg in der Kopenhagener Straße 50 den Namen „Hermann-Tops-Oberschule“. Dieser Name war für die Traditionspflege an der Schule geschickt gewählt worden. Hatte doch der vom NS-Regime hingerichtete Arbeitersportler seine Übungsstunden in der Turnhalle der Schule abgehalten und keine fünf Minuten entfernt in der Kopenhagener Straße 46 gewohnt. In der Aula der 8. POS hing bis zur Auflösung der Schule im Sommer 1991 und der Neueröffnung der 11. Grundschule ein überlebensgroßes Porträt des einstigen Namengebers. Ebenfalls nicht mehr vorhanden ist eine am 6. November 1987 im Eingangsbereich von Haus 6 des heutigen Bezirksamtes in der Fröbelstraße 17 enthüllte Gedenktafel für die beiden von der NS-Justiz zum Tode verurteilten Bezirksverordneten der KPD Gustav Schiefelbein und Hermann Tops. Wie aus dem Text hervorging, sollte mit der Tafel zugleich an alle kommunistischen und sozialdemokratischen Stadtbezirksverordneten von Prenzlauer Berg erinnert werden, die im Kampf gegen das NS-Regime ihr Leben gelassen hatten. Diese Gedenktafel wurde im Februar 1992 entfernt. Und schließlich hat auch die am 16. Januar 1976 am Wohnhaus von Hermann Tops in der Kopenhagener Straße enthüllte Gedenktafel die Zeit nicht überdauert. Die kleine Straße am Jahn-Sportpark aber erinnert bis heute an den Arbeitersportler und Kämpfer gegen das NS-Regime.

K. Grosinski

  1. Die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit (KG) wurde auf Initiative und unter Führung der KPD im Dezember 1930 gegründet. Leiter der KG war Ernst Grube, Mitglied des Zentralkomitees der KPD. Ziel der unter dem Eindruck des Aufschwungs der NS-Bewegung in Deutschland gebildeten Organisation war, die antifaschistisch gesinnten Arbeitersportler in kommunistisch geführtem Sportvereinigungen zusammenzufassen. Sie richtete sich somit insbesondere gegen die sozialdemokratisch geführten Sportvereine, in denen in der Weimarer Republik nach wie vor die Mehrheit der Arbeitersportler organisiert war. Den Führern der SPD gab die KG ganz im Sinne der KPD die alleinige Schuld an der Spaltung der Arbeiter-Turn- und -Sport-Bewegung und warf ihnen Unredlichkeit und Versagen im Kampf gegen die Nazi-Bewegung vor. Nach inoffiziellen Angaben umfasste die KG Ende 1932 rund 4000 Vereine mit etwa 250 000 Mitgliedern. Nach der Errichtung der NS-Diktatur gingen die Reichsleitung und die Landesleitungen der KG in die Illegalität und leiteten den Widerstand gegen das NS-Regime in den Vereinen. Aufgrund von Verhaftungen musste die illegale Reichsleitung der KG dreimal ersetzt werden, bis sie 1935 aufhörte zu bestehen.

Veröffentlicht im Falkblatt Nr. 15, Februar 2004, S. 11

jetzt kommentieren? 18. Februar 2004

Meine drei Annäherungen an “Vater Gleim”

Zum 200. Todestag des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803)

Als ich während meiner Schulzeit 1958 auf einer Radtour in den Harz zum ersten Mal in Halberstadt Station machte, hatte ich ein besonders einprägsames Erlebnis: Bei einem Gang durch die noch vom Krieg gezeichnete Altstadt stand ich unvermittelt vor einem Straßenschild mit der Aufschrift „Gleimstraße“. Ich war so überrascht, dass ich es sofort auf einem Foto festhielt.

Weshalb gab es ausgerechnet hier eine Straße mit demselben Namen wie „meine“ Straße in Berlin? Des Rätsels Lösung fand ich bald. An einem größeren Fachwerkhaus unmittelbar hinter dem Dom entdeckte ich eine Tafel, der ich entnehmen konnte, dass hier in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zu seinem Tode 1803 der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim gewohnt hatte. Jetzt wusste ich, dass der Namengeber meiner Gleimstraße in Berlin ein lange Zeit in Halberstadt lebender Dichter gewesen war. Damit war mein Interesse an diesem heute kaum noch bekannten Literaten zunächst für viele Jahre erloschen. Ich meine sogar, dass ich im Literaturunterricht an der Oberschule außer der Tatsache, dass Gleim Fabeln geschrieben hat, nichts weiter über ihn erfahren habe.

Zweite Annäherung

Erst als ich mich zu Beginn der 90er Jahren intensiver mit der Geschichte der Gleimstraße zu befassen begann und mich dabei auch der Entstehung ihres Namens zuwandte, erwachte wieder meine Neugier. Aus Nachschlagewerken entnahm ich, dass Gleim 1719 in Ermsleben (Ostharz) als viertes Kind eines Obereinnehmers geboren wurde. Nach dem Tod seiner Eltern 1735 ermöglichten ihm wohlhabende Gönner ein Studium der Jura und Philosophie in Halle (Saale). Bereits während der Studentenzeit erwachte sein Interesse an der Literatur. So knüpfte er nicht nur freundschaftliche Bande zu allen bedeutenden Literaten seiner Zeit in Deutschland und der Schweiz, sondern begann neben der Rezeption literarischer Werke auch selbst Texte zu schreiben. Ab 1743 arbeitete er in Berlin als Hauslehrer. Als Stabssekretär des Prinzen Wilhelm von Brandenburg-Schwedt nahm er am Zweiten Schlesischen Krieg teil. 1747 kam Gleim nach Halberstadt, um am Domstift die Stelle des Domsekretärs einzunehmen. 1756 schließlich wurde er Kanonikus (Domherr) des Stifts Walbeck bei Helmstedt.

Dichter und Förderer von Talenten

Die so erreichte finanziell abgesicherte Position ermöglichte es dem Junggesellen auf Lebenszeit, sich in Halberstadt seinen Traum vom Leben als Dichter und Förderer der Kunst zu erfüllen. 1756 erschien sein erstes Buch mit Fabeln. In der Folgezeit veröffentlichte er viele Lieder- und Gedichtsammlungen. Die größte Bekanntheit und weiteste Verbreitung erlangten seine “Preußischen Kriegslieder in den Feldzügen 1756 und 1757 von einem Grenadier“, die er 1758 veröffentlichte. Das Vorwort zu dieser Sammlung schrieb Gotthold Ephraim Lessing. Als wohlwollender Ratgeber wie auch durch stete materielle Hilfsbereitschaft übte „Vater Gleim“, wie er bald von Freunden und Zeitgenossen genannt wurde, auf viele Dichter der Zeit beträchtlichen Einfluss aus.

Gleim war nicht nur Literat, sondern auch Sammler. Weil er nach dem Umzug von Berlin in die Provinz nach Halberstadt im Jahr 1747 den geistigen Austausch und das gesellige Leben der preußischen Metropole vermisste, bat er Freunde und Bekannte, ihn nicht nur mit Briefen, sondern auch mit Porträts zu versorgen. Für letztere schuf Gleim in seinem Wohnhaus eigens einen „Tempel der Freundschaft“ – eine einzigartige Bildnisgalerie mit mehr als 125 Bildern seiner fernen Freunde – allesamt zeitgenössische Autoren und Gelehrte aus Deutschland und der Schweiz. Schon Goethe bewunderte 1805, als er bei seiner Harzreise auch in Halberstadt Station machte, die Gemäldesammlung des zwei Jahre zuvor verstorbenen Dichters.

Ein misslungener Reim

Als ich einer älteren Dame aus unserem Bekanntenkreis von meinem Interesse an Gleim erzählte, fiel ihr sogleich folgende Anekdote ein, die sie in ihrer Schulzeit gehört und seitdem nicht mehr vergessen hatte: Gleim war ein Feind aller Reimereien auf seinen Namen. Auf einer Gesellschaft in Halberstadt wagte in vorgerückter Stunde ein Gast, Bürgermeister eines benachbarten Ortes, einen scherzhaften Trinkspruch auf den anwesenden Dichter. Er erhob sein Glas und rief mit schwungvollem Pathos:

„Hoch lebe jetzt der Vater Gleim,
der unserer Freundschaft dickster Leim!“
Und prompt kam Gleims Antwort:
„Doch Sie, Herr Bürgermeister,
sind dann ihr dünnster Kleister!“

Dritte Annäherung – Wiedersehen nach 42 Jahren

Mit all diesem Wissen um den Namengeber der Gleimstraße ausgestattet, besuchten meine Frau und ich im Jahre 2000 während eines dreitägigen Aufenthalts in Halberstadt auch das Gleimhaus. Es glich nicht im entferntesten jenem grauen Gebäude, dessen Bild ich über Jahrzehnte in meiner Erinnerung bewahrt hatte. Eingerichtet 1862 im ehemaligen Wohnhaus des Dichters, hat das Museum in den letzten Jahren insbesondere im Vorfeld des 200. Todestages Gleims, der in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen begangen wird, eine umfassende Sanierung und Verschönerungskur erfahren. Es beherbergt neben der bereits erwähnten Porträtsammlung die wertvolle historische Bibliothek sowie das reichhaltige Handschriftenarchiv. So ist das Gleimhaus in Halberstadt zugleich Museum und Forschungsstätte zu Leben und Wirken des Literaten. Wer aber meint, ein Besuch lohne sich nur für Insider, der hat weit gefehlt. Ich kann nur empfehlen, sich die größte Porträtsammlung von Dichtern und bedeutenden Gelehrten des 18. Jahrhunderts, die wertvollen Bände aus der von Gleim zusammengetragenen Bibliothek sowie manch schönes Einzelstück aus der Handschriften- und der Grafiksammlung anzuschauen. Und auch an die Kinder ist gedacht: Sie können in einem speziell eingerichteten Raum die Zeit Gleims mit allen Sinnen erfahren.

K. Grosinski

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 13, August 2003, S. 10/11

jetzt kommentieren? 28. August 2003

Sowjet-Panzer in der Schwedter Straße

Erinnerungen an den 17. Juni 1953

In diesen Wochen und Tagen erinnern sich nicht wenige der Vorgänge um den 17. Juni 1953 in Ost-Berlin. So möchte auch ich den 50. Jahrestag des denkwürdigen Datums nutzen, um das aufzuschreiben, was ich als Elfjähriger an diesem Tag in der Gleimstraße und ihrem Umfeld erlebte.

Ich wohnte damals bei meiner Großmutter. Sie hörte bei ihrer Arbeit im Haushalt und beim Schneidern fast den ganzen Tag über Radio. Natürlich den RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), einen anderen Sender kannte ich viele Jahre nicht. Als ich am 16. Juni 1953 von der Schule nach Hause kam, bemerkte ich an meiner Großmutter eine bei ihr bislang nicht gekannte Unruhe. Das Radio war nach meinem Empfinden ziemlich laut eingestellt. Im Unterschied zu sonst wurde die Musik immer wieder von kurzen Meldungen und Interviews unterbrochen. So hörte ich von streikenden Bauarbeitern aus der Stalinallee, von Demonstranten, die durch die Innenstadt zogen und den Rücktritt der DDR-Regierung verlangten.

Von all der Unruhe merkte man bei uns am Falkplatz und Gleimtunnel jedoch nichts.
Das sollte sich am nächsten Tag rasch ändern. Als ich nach der Schule zum Einkaufen geschickt worden war, bemerkte ich auf meinem Weg durch die Gleimstraße, dass sich die Unruhe vom Vortage offenbar noch verstärkt hatte. Ich hörte Berichte über Volkspolizisten, denen Demonstrierende die Schulterstücke von der Uniform heruntergerissen hatten, weil sie ihnen den Weg versperrten. Vor dem HO-Laden kurz vor der Ecke Cantianstraße erzählte jemand, dass eine Gruppe von jungen Männern in die Übertragungsräume im Turm des großen Stadions im Jahn-Sportpark eingedrungen sei. Dort hätten sie die Übertragungsanlagen zerstört und technische Geräte gestohlen.
Ich war noch nicht lange wieder in unsere Wohnung nahe dem Gleimtunnel zurückgekehrt, als ich durch die geöffnete Balkontür undeutlich eine laute Stimme vernahm. Neugierig betrat ich den Balkon und sah vor dem Gleimtunnel einen Mann stehen mit einem großen Trichter vor dem Mund, so wie ihn die Bademeister im Schwimmbad benutzten. In seiner Begleitung befanden sich mehrere andere Männer, die ihm zuhörten. Der Redner erklärte sinngemäß, dass das Ulbricht-Regime gestürzt worden sei, und er rief dazu auf, alles zu beseitigen, was daran erinnerte.

Trotz der mahnende Worte meiner Großmutter eilte ich auf die Straße und sah, wie sich eine wild gestikulierende und johlende Menge von vielleicht zehn oder zwölf Personen von der Ecke Schwedter Straße/Gleimstraße in Bewegung setzte. Ich folgte in angemessener Entfernung. Angeführt wurde der Trupp von dem Mann mit der „Flüstertüte“. Ich erkannte in ihm bald den ehemaligen Inhaber eines Textilladens aus der Gleimstraße, bei dem meine Großmutter des öfteren Schneiderutensilien eingekauft hatte. Als der Laden bereits einige Tage geschlossen war, wusste meine Großmutter zu berichten, dass der Besitzer nach Westberlin geflohen sei, wo er am Wedding ein neues Geschäft eröffnet hätte.

Nachdem der Trupp in mehrere Geschäfte und auch in den Kindergarten an der Ecke Korsörer und Schwedter Straße eingedrungen war, um Bilder von Ulbricht, Pieck und Grotewohl, Fahnen, Losungen und Plakate von den Wänden zu reißen, und einzelne lautstark ihren Unmut über das „Zonenregime“ geäußert hatten, zog man weiter zur Schule. Als die Männer vom Hofeingang aus die Treppe hinaufstürzten, stellte sich ihnen der Direktor meiner Grundschule, Paul Gellermann, in den Weg. Am Revers seiner Jacke trug er das SED-Parteiabzeichen. Der alte Mann vermochte gerade noch die Fremden zum sofortigen Verlassen der Schule aufzufordern, als er auch schon von einem der Eindringlinge am Kragen gepackt und mit einem derben Tritt die Treppe hinabgestoßen wurde. Zum Glück wurde er nicht verletzt, und die Meute zog bald wieder aus der Schule ab, ohne größeren Schaden anzurichten. Denn wie ich später erfuhr, fanden in diesen Tagen an der im nördlichen Teil des Schulhauses untergebrachten Heinrich-Schliemann-Schule die mündlichen Abiturprüfungen statt.

Bevor die Gruppe durch den Gleimtunnel wieder in Richtung Wedding abzog, entzündete man auf der kurz vor der Kreuzung Schwedter Straße/Gleimstraße quer über die Fahrbahn verlaufenden Barriere ein Feuer und überantwortete die requirierten Fahnen, Bilder, Plakate und Losungen dem Feuer.
Am späten Nachmittag rückten mit schrecklichem Getöse sowjetischen Panzer an und bezogen in der Schwedter Straße an der Grenze zum Französischen Sektor Stellung. Angehörige der sowjetischen Streitkräfte riegelten den Gleimtunnel ab. Auf dem Falkplatz entstand ein kleines Feldlager.
Bereits in den Mittagsstunden des 17. Juni hatte der sowjetische Militärkommandant, Generalmajor P. T. Dibrowa, über Ost-Berlin den Ausnahmezustand verhängt. Dieser verbot nicht nur alle Demonstrationen, Versammlungen und Kundgebungen auf allen Straßen und Plätzen, sondern zwischen 21 Uhr und 5 Uhr auch jeden Aufenthalt im Freien. Ein Anschlag mit dem Wortlaut des entsprechenden Befehls hing noch Wochen nach Aufhebung der Einschränkungen und Verbote links neben dem Eingang des Hauses Gleimstraße 56.

K. Grosinski

Befehl

Befehl des sowjetischen Militärkommandanten über die Verhängung des Ausnahmezustandes im sowjetischen Sektor von Berlin (Sammlung Grosinski)

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 12, Juni 2003, S.12/13

jetzt kommentieren? 25. Juni 2003

Stefan Heym und die Heinrich-Schliemann-Schule

Die Realitäten des Lebens und die an Schärfe zunehmenden politischen Kämpfe am Ende der Weimarer Republik machten auch vor den Toren der Heinrich-Schliemann-Schule nicht Halt.

„… Unterricht ganz anderer Art“

Das musste Prof. Dr. Hildebrandt erneut erkennen, als ihn im Oktober 1931 eine verzweifelte Mutter darum bat, ihren Sprössling noch kurz vor dem Abitur an seiner Schule aufzunehmen. Dieser war kurz zuvor wegen eines aufsehenerregenden politischen Gedichts, in dem er die Reichswehr scharf angegriffen hatte, vom Staatsgymnasium Chemnitz relegiert worden. Hildebrandt war bekannt, dass andere Direktoren von Berliner Gymnasien die Bitte der Mutter bereits abgelehnt hatten; er aber nahm den 18jährigen Helmut Flieg ,,ohne Zögern, ohne Sperenzchen” als Schüler an seine Anstalt auf und gab ihm die Möglichkeit, Ostern 1932 an der Heinrich-Schliemann-Schule das Abitur zu machen.

An der Schliemann-Schule erlebte Flieg ,,einen Unterricht ganz anderer Art als den ihm vertrauten: es ging eher zu wie in einem Seminar als in einer Schulklasse, da gab es keine Paukerei, keinen Formelkram, die Lehrer, offenbar ausgesuchte Leute, waren frei von Unsicherheit und gewillt, ihr Wissen zu teilen und ihre Fakten zur Debatte zu stellen. … Auch waren die Schüler, obwohl sozial ganz ähnlich geschichtet wie in Chemnitz, anders: gelassen, weltoffen, bereit, Meinungen gelten zu lassen; keine Rüpel unter ihnen und, wie es schien, auch keine Nazis …” 1 Mit letzterem allerdings – so sollte sich leider schon allzu bald zeigen –, hatte sich der Schüler Helmut Flieg – er wurde später bekannt als Stefan Heym – geirrt. –In seinem stark autobiographisch angelegten Roman „Nachruf“ hat Heym Hildebrandt ein literarisches Denkmal gesetzt. Aus den Zeilen, in denen er Jahrzehnte später seine Zeit an der Schliemann-Schule schilderte, spricht sowohl die Bewunderung für die Atmosphäre an diesem Gymnasium wie auch die hohe Wertschätzung für den Schulleiter. Dank Heyms plastischer Schilderung können wir uns noch heute ein Bild vom damaligen Direktor der Schule machen: ,,… graues, borstiges Haar über quergefurchter hoher Stirn, übergroße graue Augen, plattgedrückte Nase, wulstige Lippen, hatte ein herrliches, fast bellendes, alle Widersacher entwaffnendes Lachen; ich sehe ihn noch vor mir, wie er, irgendwelcher Schwierigkeiten mit seinen Füßen wegen, mit tippelnden Schrittchen durch den Korridor seiner Schule eilt.”2

Ende einer Ära

Wenige Monate nachdem Stefan Heym sich mit Erfolg der Reifeprüfung unterzogen hatte, gab Oberstudiendirektor Hildebrandt das Rektorat der Schliemann-Schule ab. Als er am 1. Oktober 1932 nach Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand ging, standen die Zeichen der Zeit auf Sturm.
Die Nachfolge Hildebrandts als Schulleiter hatte im Dezember 1932 Oberstudiendirektor Dr. Fritz Plagemann angetreten. Ihm war es nur kurze Zeit vergönnt, die Schule auf den von seinem Amtsvorgänger vorgezeichneten Bahnen fortzuführen. Nachdem unter Berufung auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom April 1934 bereits vier Studienräte, vermutlich wegen ihrer jüdischen Herkunft die Schliemann-Schule hatten verlassen müssen, traf es auch den Leiter der Anstalt. Oberstudiendirektor Plagemann musste zum 30. September eine Stelle als Studienrat an einem Gymnasium in Moabit antreten.

Wenig später wurde ein Studienrat, der schon lange das Mitgliedsbuch der Nazipartei besaß, als Direktor eingesetzt. Längst war in die Schule der Ungeist der neuen Machthaber eingezogen, war binnen kurzer Zeit all das vernichtet, was Stefan Heym noch Jahrzehnte später an Bemerkenswertem über seine Monate an der Schliemann-Schule erinnerte. Damit hatte eine rund siebenjährige Blütezeit der 1864 im Süden der Stadt als Luisenstädtisches Gymnasium gegründeten und 1928 in Heinrich-Schliemann-Schule umbenannten Anstalt ein jähes Ende gefunden.

Epilog

Das Kriegsende 1945 brachte für Paul Hildebrandt nicht nur die Erlösung von der Nazidiktatur, sondern auch seine eigene Befreiung – aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Dorthin hatten die Nazis im Dezember 1943 den 73-jährigen verschleppt, nachdem die Eheleute Hildebrandt vom NSDAP-Ortsgruppenleiter von Ramsau bei Berchtesgaden, wohin sie 1939 ihren Wohnsitz verlegt hatten, als ,,versteckte Gegner des nationalen Staates“ denunziert worden waren.1

Es grenzt fast an ein Wunder, dass Hildebrandt die Hölle des KZ überlebte. Als einige seiner ehemaligen Schüler davon erfuhren, dass ihr ehemaliger Lehrer und Direktor nach seiner Befreiung aus dem KZ Buchenwald nach Berlin zurückgekehrt war, trafen fast täglich Briefe bei ihm ein. So schrieb eine Schüler: ,Das Leben hat uns alle nicht sanft angefaßt. Daß aber auch Sie während der letzten Jahre in Buchenwald waren, hat uns tief erschüttert. Ich kann Ihnen nur versichern, daß meine Erinnerungen an unsere Schuljahre und an unseren verehrten Direktor, der oft genug für uns Lümmel in die Bresche sprang, zu dem Besten gehören, was ich an geistigem Besitz habe.” 2
Sicher haben insbesondere diese Briefe dazu beigetragen, dass sich Prof. Hildebrandt ohne Zögern zur Verfügung stellte, als es galt, den nazistischen Ungeist aus den Köpfen zu räumen und ein demokratisches Bildungswesen in Berlin aufzubauen. Als Referent im Hauptschulamt kümmerte er sich besonders um die Einrichtung von Büchereien für die Ausbildung von Schulhelfern in den Berliner Stadtbezirken. Darüber hinaus wurde er ständiger Mitarbeiter des ,,Telegraf” und des Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS). In seinen Beiträgen für die Presse oder im Rundfunk bezog Paul Hildebrandt Stellung zu den Tagesfragen und schaltete sich insbesondere in die Diskussionen um den Charakter und den Inhalt der neuen Schule in dem zu bildenden demokratischen deutschen Staat ein.
Am 26. November 1948 starb der Altphilologe und Schulreformer, der humanistische Lehrer und Erzieher Prof. Dr. Paul Hildebrandt im Alter von 78 Jahren.3

Nachtrag
Am 26. November 2004 wurde neben dem Eingang der Grundschule am Falkplatz in der Gleimstraße 49 eine Gedenktafel für den Pädagogen, Schulreformer und Publizisten Prof. Dr. Paul Hildebrandt enthüllt. Siehe den Text der Rede, die der Initiator dieser Würdigung, Klaus Grosinski, zu diesem Anlass gehalten hat.

  1. Stefan Heym: Nachruf, Fischer Taschenbuch GmbH, Frankfurt am Main 1990, S.54.

  2. Ebenda, S. 53.

  3. Auch Hildebrandts Frau, Dr. Else Hildebrandt, war verhaftet worden. Sie kam ins KZ Ravensbrück, wo sie umgebracht wurde.

  4. Zit. nach: Ein pädagogischer Jubilar. Telegraf, 21.1.1946.

  5. Wer mehr über das Leben und Wirken Prof. Dr. Paul Hildebrandts, die Geschichte der Schule in der Gleimstraße oder auch über andere Schulen in Prenzlauer Berg erfahren möchte, dem sei schon jetzt der vom Prenzlauer Berg Museum herausgegebene reich illustrierte Sammelband „Schule zwischen gestern und morgen. Beiträge zur Schulgeschichte von Prenzlauer Berg“ empfohlen, der 2002 im Schneider Verlag Hohengehren erschien. Aus ihm wurde auch die Abbildung im vorliegenden Beitrag entnommen.

K. Grosinski

Abiturientenliste

Ausschnitt aus der Liste der Abiturienten der Heinrich-Schliemann-Schule (Gymnasiale Abteilung) von Ostern 1932. Helmut Flieg (laufende Nr. 4) ist Stefan Heym (Quelle: Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin)

Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 8, Mai 2002, S. 11/12

jetzt kommentieren? 22. Mai 2002

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