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Aus der Geschichte des Falkplatzes (III)
Auf dem 1862 beschlossenen „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ war im Gebiet des heutigen Falkplatzes eine große freie Fläche mit dem Buchstaben „N“ eingetragen. Der so gekennzeichnete Stadtplatz lag inmitten eines geplanten Netzes von Straßen, das der Urheber des Planes – der Baumeister für Landbau und Kanalisationsfachmann James Hobrecht (1825–1902) – über die Ackerflure gelegt hatte. Deutlich zu erkennen waren die bereits bestehenden, nicht parallel verlaufenden Radialen Schönhauser Allee und Schwedter Straße und ein Feldweg in Höhe der Gleimstraße. Im Süden grenzte der Platz N an den „Exercier-Platz zur einsamen Pappel“.
Die von einigen älteren Bewohnern in unserem Kiez bis heute gebrauchte Bezeichnung „Exer“ für den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark erinnert noch an die ursprünglich militärische Nutzung der späteren Sportfläche. Bereits 1825 hatte der Großgrundbesitzer Wilhelm Griebenow (1784–1865) das damals zwischen der Chaussee nach Pankow (seit 1841 Schönhauer Allee) und dem Verlorenen Weg (Schwedter Straße) gelegene Gelände an den Militärfiskus verkauft. Bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts zogen die Soldaten und Offiziere des Alexanderregiments von ihrer in der Stadt gelegenen Kaserne zu Felddienstübungen, zum Regimentsexerzieren und zu den alljährlichen Frühjahrsparaden auf den Exerzierplatz in der Schönhauser Vorstadt. Fast wäre auch an dem Platz N eine Kaserne errichtet worden, so jedenfalls war es noch1864 vorgesehen. Glücklicherweise wurden die Planungen nicht ausgeführt. Bis zum Anlegen des Stadtplatzes sollte indes noch viel Wind über die öde, sandige Fläche wehen. Erst zu Beginn der neunziger Jahre war die Bebauung des Prenzlauer Bergs so weit fortgeschritten, dass auch das Gebiet nördlich des Exerzierplatzes in die weiteren Planungen einbezogen wurde.
Um die räumliche Verortung des dort vorgesehenen Stadtplatzes musste die Stadt Berlin lange Verhandlungen mit den bauwilligen Grundbesitzern führen. Im revidierten Bebauungsplan von 1890 war der Platz als großes, von der späteren Gleim-, Gaudy-, Cantian und der Schwedter Straße umschlossenes Terrain eingezeichnet (siehe Abb.). Da die Eigentümer dieser Fläche zusätzliches Bauland ertrotzen wollten, boten sie an, den hinteren Teil des Platzes zwischen Schwedter und später Ystader Straße als verkleinerten Platz N 1 der Stadt unentgeltlich zu überlassen, wenn sie dafür den mittleren Block zwischen Ystader und Cantianstraße bebauen durften. Als die Stadt nach zähen Verhandlungen schließlich in den Tauschhandel einwilligte, hatte sie dafür mehrere Gründe: zum einen die Absicht, schnellstens die Gleimstraße zum Gleimtunnel hin zu verbreitern, und zum anderen die überdimensionierte Größe des Platzes. Der von den Grundeigentümern angebotenen Platz war in der Tat immer noch ein Drittel größer als die beiden größten damals in Berlin vorhandenen Plätze, der Leopoldplatz und der Forckenbeckplatz. Selbst den zum Vergleich herangezogenen Lustgarten mit seinen 10 500 qm übertraf der Platz N noch in seiner verkleinerten Form um mehr als das Dreifache. Bei diesem zum Rechtfertigen der Verkleinerung des Platzes herangezogenen Argument wurde jedoch die Tatsache übergangen, dass Prenzlauer Berg bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den am dichtesten besiedelten Stadtteilen Berlins gehörte und eine größere Grünanlage dringend benötigte hätte, wie das bei späteren Diskussionen um die Umnutzung des „Exers“ als Sport- und Spielplatz auch eingestanden wurde. Jedenfalls beschloss die Stadtverordnetenversammlung am 20. Oktober 1904 schließlich, dass „der zwischen der Gleim- und Gaudystraße liegende Platz N als Platz N 1 auf der Strecke von der Schwedter Straße bis zur Verlängerung der Straße 9 (Ystader Straße – K. G.) eingeschränkt wird“. Damit waren endlich auch alle Voraussetzungen gegeben, um dem nunmehr auch gesetzlich verorteten Stadtplatz einen Namen zu geben, zumal die Schwedter (1862), die Gleim-(1892 bzw. 1902), die Gaudy- (1903) und die Cantianstraße (1903) bereits benannt worden waren.
K. Grosinski

Der Platz „N“ in seiner ursprünglichen Größe auf einem Plan aus dem Jahre 1903 (Quelle: Landesarchiv Berlin)
Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 4, April 2001, S. 6
22. April 2001
Aus der Geschichte des Falkplatzes (II)
Ja, Sie haben richtig gelesen: die Geschichte des Falkplatzes ist auch mit Indianern, mexikanischen Indianern verbunden. Und sie haben sogar ein Zeichen hinterlassen: den mehr als 15 Meter hohen Totempfahl im westlichen Teil des Falkplatzes.
Am 21.Juni 1995 meldete die Berliner Zeitung auf ihrer Lokalseite: „Mexikanische Indianer werden heute unter Flötenklängen von der Spitze eines Lebensbaumes zur Erde kreisen. Die Zeremonie ‘Baum des Lebens’ ist ein Höhepunkt des Sommersonnenwendfestes, das ab 12 Uhr auf dem Falkplatz gefeiert wird.“
Bereits Tage zuvor hatten Maueranschläge im Gleimkiez auf das bevorstehende Ereignis hingewiesen. Auch auf dem Falkplatz kündigte ungewohnte Aktivität von den Vorbereitungen auf das Fest. In mehrtägiger Arbeit fügten Jugendliche und Kinder das Zifferblatt für eine „lebende Sonnenuhr“ zusammen. Es entstand aus unzähligen von Kinderhand geformten Steinen aus rotem und weißem Ton, verziert mit unterschiedlichen Motiven. Sogar eine größere Zahl von kleinen Skulpturen befand sich unter den Ziegeln. Diese kleinen Kunstwerke hatten etwa 1500 Kinder aus 50 Berliner Einrichtungen in einer speziellen Aktion zur Internationalen Klimakonferenz 1995 in Berlin angefertigt. Kinder waren es auch, die den hölzernen Zeiger für die Sonnenuhr verzierten.
Noch aber fehlte der Totempfahl. Unter sachkundiger Anleitung einer Gruppe von Totonaken-indianern aus Mexiko versahen Kinder und Jugendliche den aus den fränkischen Wäldern herbeigeschafften 17 Meter langen Fichtenstamm mit zahlreichen Schnitzereien und bemalten ihn mit Farbe. Einen Tag vor der Sonnenwendfeier wurde der so entstandene Totempfahl mit einem Spezialtransporter angeliefert. Bevor er auf dem Falkplatz aufgestellt werden konnte, präparierten Indianer mit Machete und Säge die Spitze des Pfahls für ihre Vorführung am folgenden Tag.
Dann endlich war es soweit. Hunderte Schaulustige hatten sich eingefunden, um dem Spektakel beizuwohnen. Azteken, Yaki und Totonaken, zum Teil mit Federschmuck, zeigten, begleitet von Panflöten und Trommeln; Tänze aus ihrer Heimat. Diese versinnbildlichten, wie einer der Akteure erklärte, die enge Beziehung der Indianer zur Erde und zur Natur.
Den Höhepunkt des Festes bildete – wie angekündigt –die von den Indianern erstmals in Europa gezeigte Zeremonie „Baum des Lebens“. Vom Fenster unserer Wohnung schauten wir zu, wie vier Indianer, als Adler verkleidet, behände die Spitze des Totempfahls erklommen und sich dort in die tags zuvor an einer drehbar gelagerten Trommel befestigten Seile einhängten. Unter Flötenklängen begann sich die Gruppe um den Mast zu drehen. Die Drehungen wurden immer schneller. Endlich, ganz langsam, näherten sich die vier „Adler“ der Erde und setzten unter dem Beifall der bislang atemlos schauenden Menge auf.
Auch wir hatten angesichts der halsbrecherisch anmutenden Kunststückchen zeitweilig den Atem angehalten. Dennoch war es uns gelungen, von unserem Logenplatz am Fenster wenigstens einiges im Bild festzuhalten. Die Fotos erinnern uns an jene besondere Sonnenwendfeier auf dem Falkplatz im Jahre 1995.
K. Grosinski

Sommersonnenwendfeier am 21. Juni 1995 auf dem Falkplatz: Die mexikanischen Indianer als Adler verkleidet während ihrer Darbietung am Totempfahl. Im Hintergrund die im Bau befindliche Max-Schmeling-Halle (Foto: K. Grosinski)
Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 3, Januar 2001, S. 10
12. Januar 2001
Aus der Geschichte des Falkplatzes (I)
Obwohl ich seit Januar 1997 nicht mehr am Falkplatz wohne und nur noch relativ selten in diese Gegend komme, fühle ich mich ihm bis heute besonders verbunden. Und immer dann, wenn ich in der Presse irgendeine Notiz über ihn finde – und sei sie noch so unbedeutend –, verschlinge ich sie neugierig. Fast 50 Jahre habe ich in diesem Kiez gelebt. Vom Erker und vom Balkon unserer im zweiten Stockwerk gelegenen Wohnung hatte man einen ausgezeichneten Blick auf den Falkplatz, auf den ehemaligen Nordgüterbahnhof und den Gleimtunnel. So nimmt es nicht wunder, dass wenn ich heute in dieser meiner alten Heimat bin, rasch scheinbar längst vergessene Erinnerungen wieder lebendig werden.
Meine frühesten Eindrücke stammen aus den Jahren 1946/1947. Ich wohnte damals noch bei meiner Großmutter in Berlin-Mitte. Meine Oma besuchte des öfteren ihre langjährige Freundin in der Gleimstraße. Soweit ich mich erinnere, haben wir anfangs den nicht gerade kurzen Weg von der Oranienburger Straße hierher zu Fuß zurückgelegt. Später sind wir dann bis zum Bahnhof Gesundbrunnen mit der S-Bahn gefahren und von dort gelaufen. Ich war stets froh, wenn wir den scheinbar endlosen dunklen Gleimtunnel durchschritten hatten und ich zur Linken die Häuser mit ihren noch vom Krieg zerfurchten Fassaden und zur Rechten die Bäume auf dem Falkplatz erblickte.
Viele Bäume waren es damals nicht. Und das war sicher auch ganz gut so. Denn jedes Stückchen Erde wurde von den Anwohnern landwirtschaftlich genutzt. Auf den zahllosen kleinen parzellierten Flächen bauten sie vor allem Kartoffeln, Gemüse und Gewürze an. Manche hatten Tomaten gepflanzt. Einige hatten auch Johannis- und Stachelbeersträucher gesetzt. Damit wurde verschiedentlich die Grenze zum „Garten“-Nachbarn markiert. In der Regel dienten dazu aber kleine Holzpflöcke, die mit Draht oder Schnur verbunden waren. Fast in jedem dieser Kleinstgärten stand ein größeres Fass zum Aufbewahren des in unterschiedlichsten Behältnissen mitgebrachten Wassers bzw. zum Auffangen von Regenwasser und in einigen auch eine selbstgebaute Bank.
Eine derartige zweckentfremdete Nutzung des ursprünglich als Schmuckplatz angelegten Falkplatzes war in den ersten Jahren nach dem Krieg durchaus keine Ausnahme. Auch die meisten anderen Stadtplätze in Berlin wurden entsprechend umgewandelt und boten den Nutzern in dieser schweren Zeit die Möglichkeit, dem Hunger besser zu begegnen und auch das Speisenangebot ein wenig zu bereichern. Die Kleinstgärtner von damals mussten aber stets darum bangen, dass sie die Früchte ihrer Mühen und ihres Fleißes auch tatsächlich ernten konnten. Diebe gingen um und suchten insbesondere in den Nachtstunden die Gärtchen auf. Sie stahlen häufig nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern suchten ein Großteil des Diebesguts anderntags auf dem Schwarzen Markt zu verhökern. Hungrige gab es genug. Indes wußten sich auch die Gärtner zu helfen. Wie ich später aus Zeitungsberichten jener Jahre erfuhr, richteten sie Fahrradpatrouillen ein. Diese lauerten wiederum den Dieben auf und erschwerten deren frevelhaftes Tun.
Zwar ist die hier beschriebene landwirtschaftliche Nutzung des Falkplatzes vor allem aus der allgemeinen Not nach dem Kriege erwachsen, aber es war nicht das erste Mal, daß auf diesem Areal Gemüsebeete angelegt wurden. Bereits zu Beginn der neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts befand sich auf dem späteren Falkplatz eine Laubenstadt. Darüber berichtete „Die Quelle“ in ihrer Ausgabe vom 23. Juli 1893: „Die Sommerfrische der Arbeiter und kleinen Beamten der Rosenthaler Vorstadt ist die Laubenstadt, welche auf dem mächtigen Baustellenkomplex der verlängerten Schwedter Straße (Begrenzt vom ‘Exerzierplatz zur einsamen Pappel’, der Schönhauser Allee und den Lorbergschen Baumschulen beziehungsweise der Nordringeisenbahn) belegen ist … und überall begegnet das Auge dem wohltuenden Bilde üppigster Vegetation. Es hat gar manchen Schweißtropfen gekostet, in der regenlosen Zeit das benötigte Wasser in Tinen aus der Stadt auf kleinen Holzkarren hinauszukarren. … Am Abend nach Schluß der Werkstätten und Fabriken herrscht in der Laubenstadt ein fröhliches Treiben: denn hier sucht und findet der Arbeiter nach es Tages Last und Mühen im Kreise seiner Familie und Freunde Erholung. Dort wird dann nach genossenem Abendbrot unter freiem Himmel der Abend verbracht. … Abends gegen 10 Uhr pilgern diese kleinen Ackerbürger nach ihren Wohnstädten zurück, denn das Familienoberhaupt muß ja am Morgen wieder pünktlich und neu gestärkt auf seiner gewohnten Arbeitsstätte eintreffen.“ (Zitiert nach dem 1998 vom Prenzlauer Berg Museum herausgegebenenen und bei BasisDruck erschienenen Buch „Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine. Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin“, Seite 34f.)
K. Grosinski

Im Schrebergarten (Sammlung Grosinski)
Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 2, August 2000, S. 6
25. September 2000
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