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Erinnerungen und Geschichte(n)
Am 15. Juni 2002 war es endlich soweit. Fast 41 Jahre nach seiner gewaltsamen Unterbrechung durch die DDR wurde der Berliner S-Bahnring offiziell wiedereröffnet. Damit ist zwölfeinhalb Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ein weiteres Stück Normalität in die Stadt zurückgekehrt.
Strecke ohne Ende
Ich muss gestehen, ich habe auf diesen Tag gewartet. So habe ich es auch genossen, vom gänzlich erneuerten S-Bahnhof Wedding aus mit einem der ersten Züge nach Abschluss der offiziellen Feierlichkeiten auf dieser einstigen „Strecke ohne Ende“ eine Runde mitzufahren.
Als sich der Sonderzug in Richtung Schöneberg endlich in Bewegung setzte, wurden viele Erinnerungen wieder wach. Was war das für uns als Kinder für ein Gaudi, einmal um den Ring zu fahren. Am Fahrkartenschalter des S-Bahnhofs Schönhauser Allee wurde für 20 Pfennig Ost (!) ein Billett gekauft, anschließend drückte der Automat oder ein Bahnangestellter in Uniform, der in einem kleinen als „Wanne“ bezeichneten Häuschen am Eingang zum Bahnsteig saß, mit einer Zange die Buchstaben SA – sie standen für Schönhauser Allee – in den Fahrschein und dann ging’s ab. Es blieb sich gleich, ob wir den S-Bahn-Zug in Richtung Westkreuz über Gesundbrunnen – Jungfernheide – bestiegen oder über Ostkreuz – Treptower Park – Sonnenallee in Richtung Papestraße fuhren. Zumeist haben wir bei unserer Rundreise auf dem Bahnhof Tempelhof einen Zwischenstopp eingelegt. Dort angekommen, begaben wir uns rasch zu dem dem Flugplatz zugekehrten Ende des Bahnsteigs und schauten fasziniert den startenden und landenden Flugzeugen zu. Wenn wir uns endlich satt gesehen hatten, bestiegen wir wieder die Ringbahn und fuhren weiter. Indes ganz so einfach, wie es sich anhört, war es freilich nicht. Denn eigentlich war so eine Fahrt um den gesamten S-Bahn-Vollring mit einer einfachen Fahrkarte nicht erlaubt. Schließlich sollten die Fahrgäste den Ring nur für eine Fahrt vom Ausgangsbahnhof zum Zielbahnhof nutzen. Und da es auch damals bereits Fahrkartenkontrollen gab, durfte man sich mit seinem Fahrschein der Niedrig-Preisstufe1 nicht erwischen lassen, wenn plötzlich etwa in Westend ein Kontrolleur zustieg und seines Amtes waltete und erbost feststellen musste, dass wir bereits Dreiviertel des Rings zurückgelegt hatten. Aber auch das Wissen um diese mögliche Standpauke hielt uns nicht davon ab, schon bald wieder für zwei Groschen einmal um den Ring zu fahren.
Hüben und drüben
Nicht selten sind wir auf der Rückfahrt in Richtung „Heimat“ auf dem S-Bahnhof Gesundbrunnen ausgestiegen. Für uns Jungen vom „Falker“ nahm es sich nicht viel, ob wir vom S-Bahnhof „Schönhauser“ durch die Gleimstraße oder von Gesundbrunnen über die Ramler- und Graunstraße schließlich durch den Gleimtunnel in unserenKiez gelangten. Denn trotz der Spaltung der Stadt, die wir vor allem an den beiden unterschiedlichen Währungen und den Auslagen in den Geschäften merkten, fühlten wir uns gleichermaßen diesseits und jenseits des Gleimtunnels zu Hause. Der Humboldthain mit seinen beiden Bunkerbergen, den Liegewiesen und dem schönen Freibad gehörte ebenso zu unserem Operationsgebiet wie der Falkplatz und der „Exer“ mit seinen Fußballfeldern und Basketballplätzen. Dennoch war natürlich auch uns bewusst, dass zwischen den S-Bahnhöfen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen eine Grenze zwischen zwei recht verschiedenen Welten verlief. Darauf musste nicht erst die Stimme aus dem Lautsprecher aufmerksam machen, welche regelmäßig die mit der S-Bahn aus Richtung Prenzlauer Allee ankommenden Fahrgäste darauf aufmerksam machte, dass der Bahnhof Schönhauser Allee „der letzte Bahnhof im demokratischen Sektor von Berlin“ sei. Doch davon ließen sich die im Zug verbleibenden Fahrgäste offensichtlich nicht beeindrucken, ebenso wenig wie von den regelmäßigen Kontrollen durch die Angehörigen des DDR-Zolls, welche die gen Westen Fahrenden und deren Gepäck zumeist sehr aufmerksam musterten. Letzteres musste in der Regel recht schnell gehen, denn der Zug sollte pünktlich seine Fahrt fortsetzen. Hatten die „Taschenkrebse“, wie die DDR-Zöllner wegen ihrer spezifischen Form der Kontrolltätigkeit an der Sektorengrenze von vielen genannt wurden, einen Verdächtigen aufgespürt, so musste dieser den Zug verlassen und seinem Häscher in einen eigens auf dem Bahnsteig eingerichteten Dienstraum folgen. Dort wurde er weiter kontrolliert, befragt und nicht selten auch visitiert. So hatte der Halt auf dem Bahnhof Schönhauser Allee für jeden, der über diese Station von einem Teil der Stadt in den andren gelangen wollte, immer etwas Beklemmendes. In den Abteilen verstummten die Gespräche, viele Fahrgäste schauten scheinbar gelangweilt durch die Fenster auf den Bahnsteig, andere meinten da draußen mit den Augen etwas besonders angespannt fixieren zu müssen, wieder andere schnaubten verlegen ins Taschentuch. Erst wenn der Zöllner endlich den S-Bahn-Wagen wieder verlassen hatte und über den Lautsprecher die Aufforderung zum Türenschließen und zur Abfahrt ertönte, löste sich die Spannung wieder.
Offensichtlich spielten die Ost-Berliner Behörden seit Mitte der 50er Jahre zeitweilig mit dem Gedanken, die Grenzkontrollen noch effektiver und ergiebiger zu gestalten und zu diesem Zweck zwischen den regulären S-Bahnhöfen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen vor der Grenze einen zusätzlichen Bahnsteig in Dienst zu stellen. Die in Holz ausgeführte Konstruktion, an die ich mich noch gut erinnere– sie ist auf dem beigefügten Foto abgebildet –war von der Fußgängerbrücke über den Bahngraben zwischen Schönfließer und Sonnenburger Straße gut zu überschauen und erstreckte sich etwa bis zur Höhe der Einmündung der Malmöer in die Dänenstraße. Soweit ich mich entsinne wurde dieser „Kontrollbahnhof“ jedoch nie in Betrieb genommen. Mit der Kappung des S-Bahn-Rings und dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wäre er ohnehin überflüssig geworden.
Gehe ich heute über die Fußgängerbrücke an der Sonnenburger Straße und schaue auf die Gleise dort unten, muss ich noch manchmal an dieses Monstrum denken. So, als wollte ich diesen Spuk verscheuchen, warte ich auf den nächsten S-Bahn-Zug und verfolge mit den Augen eine Stück dessen Fahrt auf der „Strecke ohne Ende“.
K. Grosinski
Der zusätzliche Kontrollbahnsteig an der S-Bahnstrecke zwischen den Stationen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen, ca. 1957 (Sammlung des Verfassers)
02. Mai 2002
Aus einer Glanzzeit der Schule in der Gleimstraße. – Zur Geschichte des Falkplatzkiezes (V) Im November 1924 wurde Prof. Dr. Paul Hildebrandt auf Vorschlag der Städtischen Schuldeputation vom Bezirksamt Prenzlauer Berg zum Direktor des Luisenstädtischen Gymnasiums in der Gleimstraße 49 gewählt. Am 6. Januar 1925 übernahm er das neue Amt. Damit begann für die 1864 im Süden Berlins gegründete und seit 1915 im Norden der Stadt ansässige Schule der erfolgreichste Abschnitt in ihrer bislang mehr als 60-jährigen Geschichte. Paul Hildebrandt war im Berlin der zwanziger Jahre kein Unbekannter. Geboren 1870 in Berlin, war der promovierte Altphilologe, der neben alten Sprachen Religion und Geschichte studiert hatte, bereits rund drei Jahrzehnte im höheren Schuldienst tätig, davon knapp die Hälfte am altehrwürdigen Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster. Seit 1920 schrieb er regelmäßig Beiträge über schulpolitische Ereignisse, pädagogischen Probleme und zu Fragen der seit langem anstehenden Schulreform für die ,,Vossische Zeitung”, die ,,Berliner Morgenpost”(1) und andere Presseerzeugnisse aus dem Hause Ullstein. Insbesondere dieses journalistische Wirken hatte ihn über den Kreis seiner Kollegen hinaus in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Als der Ullstein Verlag 1923 aufgrund des starken Interesses der Leser an erzieherischen Fragen eine pädagogische Sprechstunde einrichtete, betraute er Oberstudienrat Prof. Dr. Hildebrandt mit deren Leitung. Die neue Beratungsstelle erwarb sich insbesondere bei Eltern sehr schnell einen guten Ruf. Neben dem Schuldienst und seiner vielfältigen publizistischen Tätigkeit war Hildebrandt auch politisch tätig. 1924 war er für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) (2), der er sich schon bald nach der Novemberrevolution von 1918 angeschlossen hatte, in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt worden.
Schülerselbstverwaltung und Berufsorientierung
Hildebrandt nutzte sein neues Betätigungsfeld am Luisenstädtischen Gymnasium, um jene pädagogischen Grundsätze, die er in seinen Zeitungsartikeln, Buchbeiträgen und in der pädagogischen Sprechstunde vertrat, in die Erziehungspraxis umzusetzen. Neue Erkenntnisse auf erziehungswissenschaftlichem Gebiet überprüfte er nun zuerst an seiner Schule auf ihre Realisierbarkeit. Mit zu den ersten Veränderungen an der Schule gehörte die den Schülern gebotene Möglichkeit, ihre Wünsche, Klagen und Beschwerden – auch über Lehrer – unmittelbar beim Rektor vortragen zu können. Zudem räumte er den gewählten Vertretern der Schülerschaft ein breites Mitspracherecht in schulischen Belangen ein. Schülerselbstverwaltung, berufsorientierende Exkursionen in Betriebe, mehrwöchige Aufenthalte im Schullandheim und erlebnisreiche Ferienfahrten waren an seiner Anstalt bald Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus suchte Hildebrandt in Anbetracht der Sorgen und Nöte in vielen Elternhäusern die Schüler durch vielfältige Freizeitangebote noch enger an die Schule zu binden. So bestanden in der Schliemann-Schule ein Schülerorchester, eine Theatergruppe, eine Ruderriege, ein Tennisverein und eine Vielzahl von Arbeitsgemeinschaften zu den unterschiedlichsten Interessengebieten. All das trug dazu bei, dass die Schüler ein unbegrenztes Vertrauen zu Hildebrandt gewannen. Ausdruck dessen war der Name „Ohm Paul“, dem sie ihm gaben. „Ohm Paul“ war der Lehrer und Direktor, an den sich jeder Schüler wenden konnte, „Ohm Paul“ war die Seele der Schule. Vom Umgang Hildebrandts mit seinen Schülern zeugt die folgende überlieferte Episode: ,,… die Tertia hatte wieder einmal etwas Unsagbares ausgefressen. Einige Übeltäter waren gefasst worden und wurden in das Amtszimmer befohlen, wo sie der Hausmeister mit berufsmäßiger Grimmbärtigkeit empfing. Jetzt schlackerten uns doch die Ventile. Mindestens drei Stunden Arrest oder vielleicht sogar den Rausschmiss waren zu gewärtigen. Zerknirscht standen wir vor ,Ohm Paul’ und wagten nicht, zu ihm aufzusehen. Eine beklemmend lange Minute der Stille. Und dann kamen drei Worte, die sich wohl keiner von uns hatte träumen lassen: ,Na, ihr Möpse!’ – Dass sich darauf außer einigen kräftigen moralischen Nasenstübern keine schlimmeren Folgen für uns ergaben, weder Tadel noch Arrest, versteht sich wohl von selbst.”(1)
Eine „merkwürdige frappierende Übereinstimmung“
Vor allem an seine Schüler muss Hildebrandt auch gehabt haben, als er sich schon bald nach der Übernahme des Rektorats mit der Frage einer Umbenennung der Schule befasste. Was galt den Schülern hier im Norden der Stadt noch der an die Gründung der Anstalt erinnernde Name ,,Luisenstädtisches Gymnasium”? Bei der Suche nach einem Namengeber, mit dem sich auch die Schüler identifizieren könnten, fiel seine Wahl auf den Altertumsforscher Heinrich Schliemann(2), den Entdecker von Troja. Doch einflussreiche Kräfte in den Schulbehörden und in der Stadtverwaltung sahen das anders, Sie suchten die Benennung der Schule nach Schliemann mit allen Mitteln zu verhindern. Endlich, nach einem mehr als zweijährigen Ringen setzte sich Hildebrandt durch. Am 20. November 1928 war es so weit: In Anwesenheit von zahlreichen Ehrengästen, darunter dem Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß (5), fand in der Schulaula die Feier anlässlich der Verleihung des Namens Heinrich-Schliemann-Gymnasium statt. In seiner Festansprache würdigte Hildebrandt Leben und Wirken Schliemanns und stellte den Bezug zum Namengeber her und verwies insbesondere auf ,,die merkwürdige frappierende Übereinstimmung zwischen dem Wesen Schliemanns, seinen Tendenzen und Wirkungen, und den Zielen, die wir Unterricht und Erziehung in unserer Anstalt gesteckt haben”(6). Die an Schärfe zunehmenden politischen Kämpfe am Ende der Weimarer Republik machten indes auch vor den Toren der Heinrich-Schliemann-Schule nicht Halt. Doch davon im nächsten Beitrag.
- Die ,,Berliner Morgenpost” war mit einer Auflage von 607 000 Exemplaren im Jahre 1925 eine der meistgelesenen Zeitungen in Deutschland.
- Von bürgerlich-demokratischen Gruppen in den Tagen der Novemberrevolution 1918 in Berlin gebildete linksliberale Partei. Die DDP hatte wesentlichen Anteil an der Konstituierung und Ausgestaltung der Weimarer Republik und war einer ihrer stärksten Verteidiger gegen Angriffe von rechts und links. Ende 1930 löste sich die DDP auf.
- Arnold Bauer: Unser alter Lehrer. In: Horizont, H. 1 vom 9.12.1945.
- Heinrich Schliemann (1822–1890) benutzte sein als Kaufmann erworbenes Vermögen, um den Plan aus seiner Jugend, die Schauplätze der Epen Homers zu entdecken, zu verwirklichen. 1871 fand er im Hügel von Hissarlik an den Dardanellen das homerische Troja. Später unternahm er größere Grabungen in Mykene, Tiryns, Ithaka und Orchomenos (Böotien). Die Ergebnisse seiner Forschungen fanden nur langsam Anerkennung. Schliemann gilt als Begründer der archäologischen Grabungsmethoden.
- Gustav Böß (1873–1946), 1921–1930 Oberbürgermeister von Berlin.
- Jahresbericht der Heinrich-Schliemann-Schule (Gymnasium und Realgymnasium) 1928/1929, S. 90 ff.
K. Grosinski

Prof. Dr. Paul Hildebrandt, 1924. Ausschnitt aus einem Klassenfoto (Quelle: Streitsche Stiftungen, Berlin)

Heinrich-Schliemann-Schule (Gymnasium und Realgymnasium), Ansicht Ystader Straße, Ende der 1920er Jahre (Sammlung Grosinski)
Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 7, Februar 2002, S. 11/12
04. März 2002
Aus der Geschichte des Falkplatzes (IV)
Im Jahre 1906 war es endlich soweit: Der Platz N erhielt einen Namen.
In der Ende September 1906 im “Amtsblatt der Stadt Berlin” veröffentlichten Bekanntmachung des Königlichen Polizei-Präsidenten über Straßen-, Platz- und Brücken-Benennungen findet sich der Vermerk, dass “Seine Majestät der Kaiser und König … allergnädigst geruht [haben], mehreren Straßen sowie einem Platze und einer Brücke in Berlin Namen beizulegen”. Bei dem Platz handelte es sich um den Platz N oder Nr. 1 der Abteilung XI des Bebauungsplanes von Berlin. Er erhielt den Namen Falkplatz.
Als die Benennung erfolgte, konnten sich vermutlich noch viele ältere Berliner an den Namensgeber, den einstigen streitbaren preußischen Kultusminister Adalbert Falk, erinnern. Der 1827 im schlesischen Metschkau geborene Pfarrersohn hatte bereits im preußischen Justizdienst Karriere gemacht und sich auch als staatstreuer Politiker hinreichend legitimiert, als er 1872 vom “eisernen Kanzler” Otto von Bismarck (1805–1898) als Kultusminister in das preußische Kabinett aufgenommen wurde. Falk nahm entschlossen die ihm von Bismarck zugedachte Aufgabe in Angriff, in dem seit der Gründung des vornehmlich protestantischen Deutschen Reiches 1871 schwelenden Konflikt zwischen dem Staat und der als reichsfeindlich verdächtigten katholischen Kirche – von dem Mediziner und Parlamentarier Rudolf Virchow (1821–1902) 1873 als “Kulturkampf” bezeichnet – nachhaltig die Positionen des Staates zu sichern und zu stärken. In seinem Streben, die Staatsautorität zu behaupten und den Einfluss des Katholizismus zurückzudrängen, scheute Falk nicht davor zurück, die Amtsträger der katholischen Kirche mit rechtlich bedenklichen Mitteln zu bekämpfen. Harte Strafgesetze gegen den katholischen Klerus und das Verbot sämtlicher Ordensniederlassungen auf preußischem Gebiet sowie die 1874 in Preußen und wenig später im Deutschen Reich eingeführte obligatorische Zivilehe, welche die katholische wie die evangelische Kirche gleichermaßen traf, sollten das Werk sichern.
Als gegen Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts unter dem Druck der anwachsenden innenpolitischen und wirtschaftlichen Aufgaben die Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche immer mehr in den Hintergrund traten und der Vatikan unter dem neuen Papst Leo XIII. (1810–1903) einen Ausgleich mit Bismarck anstrebte, wurde Falk entlassen. Zunehmend enttäuscht zog er sich aus dem politischen Leben zurück.
Bis in unsere Tage wird der Namensgeber des Falkplatzes in den spärlichen Angaben, die sich über ihn in einigen wenigen Nachschlagewerken finden lassen, fast ausschließlich als der eigentliche Kulturkampfminister unter Bismarck und Schöpfer der Zivilehe in Deutschland gewürdigt. Gar nichts oder nur wenig erfährt der Leser hingegen von Falks Einsatz für eine Reform des Schulwesens in Preußen. Dabei ging es ihm hier um eine längst überfällige durchgreifende Modernisierung. Zu diesem Zweck sollten die Schulaufsicht neu geregelt, die Lehrerbildung modernisiert, die Lehrpläne der fortschreitenden Entwicklung der Naturwissenschaften und Technik angepasst, die Schulbücher vereinheitlicht und die Ausstattung der Elementarschulen verbessert werden. Doch alle diese Vorschläge und Vorstöße Falks stießen bei den Verantwortlichen auf taube Ohren. Vor allem Falks Vorstellungen von einer Abschaffung der geistlichen Schulaufsicht trafen beim Klerus und beim Adel gleichermaßen auf entschiedenen Widerstand. Auch die kaiserlichen Randglossen an Falk wurden immer bissiger und gereizter. Mit Falks Ausscheiden aus dem Amt des Kultusministers blieben somit auch erste Ansätze für eine Reform des preußischen Schulwesens stecken. Am 7. Juli 1900 starb Adalbert Falk in Hamm, wo er seit 1882 als Oberlandesgerichtspräsident gewirkt hatte.
Die meisten, die heute den Namen Falkplatz hören, wird es kaum interessieren, woher der Platz seinen Namen hat oder gar nach wem er benannt wurde. Für die jüngere Generation, die seit je sprachliche Verkürzungen bevorzugt, ist und bleibt es der “Falka” oder “Falker”. Dieser Name passt auch besser zu “Kolle”, “Helmi” oder “Teute”.
K. Grosinski
Adalbert Falk (1827–1900) – erfolgreich als Schöpfer der Zivilehe, als Schulreformer gescheitert (Sammlung Grosinski)
Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 6, Dezember 2001, S. 11
18. Dezember 2001
Aus der Geschichte des Falkplatzes (III)
Auf dem 1862 beschlossenen „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ war im Gebiet des heutigen Falkplatzes eine große freie Fläche mit dem Buchstaben „N“ eingetragen. Der so gekennzeichnete Stadtplatz lag inmitten eines geplanten Netzes von Straßen, das der Urheber des Planes – der Baumeister für Landbau und Kanalisationsfachmann James Hobrecht (1825–1902) – über die Ackerflure gelegt hatte. Deutlich zu erkennen waren die bereits bestehenden, nicht parallel verlaufenden Radialen Schönhauser Allee und Schwedter Straße und ein Feldweg in Höhe der Gleimstraße. Im Süden grenzte der Platz N an den „Exercier-Platz zur einsamen Pappel“.
Die von einigen älteren Bewohnern in unserem Kiez bis heute gebrauchte Bezeichnung „Exer“ für den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark erinnert noch an die ursprünglich militärische Nutzung der späteren Sportfläche. Bereits 1825 hatte der Großgrundbesitzer Wilhelm Griebenow (1784–1865) das damals zwischen der Chaussee nach Pankow (seit 1841 Schönhauer Allee) und dem Verlorenen Weg (Schwedter Straße) gelegene Gelände an den Militärfiskus verkauft. Bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts zogen die Soldaten und Offiziere des Alexanderregiments von ihrer in der Stadt gelegenen Kaserne zu Felddienstübungen, zum Regimentsexerzieren und zu den alljährlichen Frühjahrsparaden auf den Exerzierplatz in der Schönhauser Vorstadt. Fast wäre auch an dem Platz N eine Kaserne errichtet worden, so jedenfalls war es noch1864 vorgesehen. Glücklicherweise wurden die Planungen nicht ausgeführt. Bis zum Anlegen des Stadtplatzes sollte indes noch viel Wind über die öde, sandige Fläche wehen. Erst zu Beginn der neunziger Jahre war die Bebauung des Prenzlauer Bergs so weit fortgeschritten, dass auch das Gebiet nördlich des Exerzierplatzes in die weiteren Planungen einbezogen wurde.
Um die räumliche Verortung des dort vorgesehenen Stadtplatzes musste die Stadt Berlin lange Verhandlungen mit den bauwilligen Grundbesitzern führen. Im revidierten Bebauungsplan von 1890 war der Platz als großes, von der späteren Gleim-, Gaudy-, Cantian und der Schwedter Straße umschlossenes Terrain eingezeichnet (siehe Abb.). Da die Eigentümer dieser Fläche zusätzliches Bauland ertrotzen wollten, boten sie an, den hinteren Teil des Platzes zwischen Schwedter und später Ystader Straße als verkleinerten Platz N 1 der Stadt unentgeltlich zu überlassen, wenn sie dafür den mittleren Block zwischen Ystader und Cantianstraße bebauen durften. Als die Stadt nach zähen Verhandlungen schließlich in den Tauschhandel einwilligte, hatte sie dafür mehrere Gründe: zum einen die Absicht, schnellstens die Gleimstraße zum Gleimtunnel hin zu verbreitern, und zum anderen die überdimensionierte Größe des Platzes. Der von den Grundeigentümern angebotenen Platz war in der Tat immer noch ein Drittel größer als die beiden größten damals in Berlin vorhandenen Plätze, der Leopoldplatz und der Forckenbeckplatz. Selbst den zum Vergleich herangezogenen Lustgarten mit seinen 10 500 qm übertraf der Platz N noch in seiner verkleinerten Form um mehr als das Dreifache. Bei diesem zum Rechtfertigen der Verkleinerung des Platzes herangezogenen Argument wurde jedoch die Tatsache übergangen, dass Prenzlauer Berg bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den am dichtesten besiedelten Stadtteilen Berlins gehörte und eine größere Grünanlage dringend benötigte hätte, wie das bei späteren Diskussionen um die Umnutzung des „Exers“ als Sport- und Spielplatz auch eingestanden wurde. Jedenfalls beschloss die Stadtverordnetenversammlung am 20. Oktober 1904 schließlich, dass „der zwischen der Gleim- und Gaudystraße liegende Platz N als Platz N 1 auf der Strecke von der Schwedter Straße bis zur Verlängerung der Straße 9 (Ystader Straße – K. G.) eingeschränkt wird“. Damit waren endlich auch alle Voraussetzungen gegeben, um dem nunmehr auch gesetzlich verorteten Stadtplatz einen Namen zu geben, zumal die Schwedter (1862), die Gleim-(1892 bzw. 1902), die Gaudy- (1903) und die Cantianstraße (1903) bereits benannt worden waren.
K. Grosinski

Der Platz „N“ in seiner ursprünglichen Größe auf einem Plan aus dem Jahre 1903 (Quelle: Landesarchiv Berlin)
Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 4, April 2001, S. 6
22. April 2001
Aus der Geschichte des Falkplatzes (II)
Ja, Sie haben richtig gelesen: die Geschichte des Falkplatzes ist auch mit Indianern, mexikanischen Indianern verbunden. Und sie haben sogar ein Zeichen hinterlassen: den mehr als 15 Meter hohen Totempfahl im westlichen Teil des Falkplatzes.
Am 21.Juni 1995 meldete die Berliner Zeitung auf ihrer Lokalseite: „Mexikanische Indianer werden heute unter Flötenklängen von der Spitze eines Lebensbaumes zur Erde kreisen. Die Zeremonie ‘Baum des Lebens’ ist ein Höhepunkt des Sommersonnenwendfestes, das ab 12 Uhr auf dem Falkplatz gefeiert wird.“
Bereits Tage zuvor hatten Maueranschläge im Gleimkiez auf das bevorstehende Ereignis hingewiesen. Auch auf dem Falkplatz kündigte ungewohnte Aktivität von den Vorbereitungen auf das Fest. In mehrtägiger Arbeit fügten Jugendliche und Kinder das Zifferblatt für eine „lebende Sonnenuhr“ zusammen. Es entstand aus unzähligen von Kinderhand geformten Steinen aus rotem und weißem Ton, verziert mit unterschiedlichen Motiven. Sogar eine größere Zahl von kleinen Skulpturen befand sich unter den Ziegeln. Diese kleinen Kunstwerke hatten etwa 1500 Kinder aus 50 Berliner Einrichtungen in einer speziellen Aktion zur Internationalen Klimakonferenz 1995 in Berlin angefertigt. Kinder waren es auch, die den hölzernen Zeiger für die Sonnenuhr verzierten.
Noch aber fehlte der Totempfahl. Unter sachkundiger Anleitung einer Gruppe von Totonaken-indianern aus Mexiko versahen Kinder und Jugendliche den aus den fränkischen Wäldern herbeigeschafften 17 Meter langen Fichtenstamm mit zahlreichen Schnitzereien und bemalten ihn mit Farbe. Einen Tag vor der Sonnenwendfeier wurde der so entstandene Totempfahl mit einem Spezialtransporter angeliefert. Bevor er auf dem Falkplatz aufgestellt werden konnte, präparierten Indianer mit Machete und Säge die Spitze des Pfahls für ihre Vorführung am folgenden Tag.
Dann endlich war es soweit. Hunderte Schaulustige hatten sich eingefunden, um dem Spektakel beizuwohnen. Azteken, Yaki und Totonaken, zum Teil mit Federschmuck, zeigten, begleitet von Panflöten und Trommeln; Tänze aus ihrer Heimat. Diese versinnbildlichten, wie einer der Akteure erklärte, die enge Beziehung der Indianer zur Erde und zur Natur.
Den Höhepunkt des Festes bildete – wie angekündigt –die von den Indianern erstmals in Europa gezeigte Zeremonie „Baum des Lebens“. Vom Fenster unserer Wohnung schauten wir zu, wie vier Indianer, als Adler verkleidet, behände die Spitze des Totempfahls erklommen und sich dort in die tags zuvor an einer drehbar gelagerten Trommel befestigten Seile einhängten. Unter Flötenklängen begann sich die Gruppe um den Mast zu drehen. Die Drehungen wurden immer schneller. Endlich, ganz langsam, näherten sich die vier „Adler“ der Erde und setzten unter dem Beifall der bislang atemlos schauenden Menge auf.
Auch wir hatten angesichts der halsbrecherisch anmutenden Kunststückchen zeitweilig den Atem angehalten. Dennoch war es uns gelungen, von unserem Logenplatz am Fenster wenigstens einiges im Bild festzuhalten. Die Fotos erinnern uns an jene besondere Sonnenwendfeier auf dem Falkplatz im Jahre 1995.
K. Grosinski

Sommersonnenwendfeier am 21. Juni 1995 auf dem Falkplatz: Die mexikanischen Indianer als Adler verkleidet während ihrer Darbietung am Totempfahl. Im Hintergrund die im Bau befindliche Max-Schmeling-Halle (Foto: K. Grosinski)
Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 3, Januar 2001, S. 10
12. Januar 2001
Aus der Geschichte des Falkplatzes (I)
Obwohl ich seit Januar 1997 nicht mehr am Falkplatz wohne und nur noch relativ selten in diese Gegend komme, fühle ich mich ihm bis heute besonders verbunden. Und immer dann, wenn ich in der Presse irgendeine Notiz über ihn finde – und sei sie noch so unbedeutend –, verschlinge ich sie neugierig. Fast 50 Jahre habe ich in diesem Kiez gelebt. Vom Erker und vom Balkon unserer im zweiten Stockwerk gelegenen Wohnung hatte man einen ausgezeichneten Blick auf den Falkplatz, auf den ehemaligen Nordgüterbahnhof und den Gleimtunnel. So nimmt es nicht wunder, dass wenn ich heute in dieser meiner alten Heimat bin, rasch scheinbar längst vergessene Erinnerungen wieder lebendig werden.
Meine frühesten Eindrücke stammen aus den Jahren 1946/1947. Ich wohnte damals noch bei meiner Großmutter in Berlin-Mitte. Meine Oma besuchte des öfteren ihre langjährige Freundin in der Gleimstraße. Soweit ich mich erinnere, haben wir anfangs den nicht gerade kurzen Weg von der Oranienburger Straße hierher zu Fuß zurückgelegt. Später sind wir dann bis zum Bahnhof Gesundbrunnen mit der S-Bahn gefahren und von dort gelaufen. Ich war stets froh, wenn wir den scheinbar endlosen dunklen Gleimtunnel durchschritten hatten und ich zur Linken die Häuser mit ihren noch vom Krieg zerfurchten Fassaden und zur Rechten die Bäume auf dem Falkplatz erblickte.
Viele Bäume waren es damals nicht. Und das war sicher auch ganz gut so. Denn jedes Stückchen Erde wurde von den Anwohnern landwirtschaftlich genutzt. Auf den zahllosen kleinen parzellierten Flächen bauten sie vor allem Kartoffeln, Gemüse und Gewürze an. Manche hatten Tomaten gepflanzt. Einige hatten auch Johannis- und Stachelbeersträucher gesetzt. Damit wurde verschiedentlich die Grenze zum „Garten“-Nachbarn markiert. In der Regel dienten dazu aber kleine Holzpflöcke, die mit Draht oder Schnur verbunden waren. Fast in jedem dieser Kleinstgärten stand ein größeres Fass zum Aufbewahren des in unterschiedlichsten Behältnissen mitgebrachten Wassers bzw. zum Auffangen von Regenwasser und in einigen auch eine selbstgebaute Bank.
Eine derartige zweckentfremdete Nutzung des ursprünglich als Schmuckplatz angelegten Falkplatzes war in den ersten Jahren nach dem Krieg durchaus keine Ausnahme. Auch die meisten anderen Stadtplätze in Berlin wurden entsprechend umgewandelt und boten den Nutzern in dieser schweren Zeit die Möglichkeit, dem Hunger besser zu begegnen und auch das Speisenangebot ein wenig zu bereichern. Die Kleinstgärtner von damals mussten aber stets darum bangen, dass sie die Früchte ihrer Mühen und ihres Fleißes auch tatsächlich ernten konnten. Diebe gingen um und suchten insbesondere in den Nachtstunden die Gärtchen auf. Sie stahlen häufig nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern suchten ein Großteil des Diebesguts anderntags auf dem Schwarzen Markt zu verhökern. Hungrige gab es genug. Indes wußten sich auch die Gärtner zu helfen. Wie ich später aus Zeitungsberichten jener Jahre erfuhr, richteten sie Fahrradpatrouillen ein. Diese lauerten wiederum den Dieben auf und erschwerten deren frevelhaftes Tun.
Zwar ist die hier beschriebene landwirtschaftliche Nutzung des Falkplatzes vor allem aus der allgemeinen Not nach dem Kriege erwachsen, aber es war nicht das erste Mal, daß auf diesem Areal Gemüsebeete angelegt wurden. Bereits zu Beginn der neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts befand sich auf dem späteren Falkplatz eine Laubenstadt. Darüber berichtete „Die Quelle“ in ihrer Ausgabe vom 23. Juli 1893: „Die Sommerfrische der Arbeiter und kleinen Beamten der Rosenthaler Vorstadt ist die Laubenstadt, welche auf dem mächtigen Baustellenkomplex der verlängerten Schwedter Straße (Begrenzt vom ‘Exerzierplatz zur einsamen Pappel’, der Schönhauser Allee und den Lorbergschen Baumschulen beziehungsweise der Nordringeisenbahn) belegen ist … und überall begegnet das Auge dem wohltuenden Bilde üppigster Vegetation. Es hat gar manchen Schweißtropfen gekostet, in der regenlosen Zeit das benötigte Wasser in Tinen aus der Stadt auf kleinen Holzkarren hinauszukarren. … Am Abend nach Schluß der Werkstätten und Fabriken herrscht in der Laubenstadt ein fröhliches Treiben: denn hier sucht und findet der Arbeiter nach es Tages Last und Mühen im Kreise seiner Familie und Freunde Erholung. Dort wird dann nach genossenem Abendbrot unter freiem Himmel der Abend verbracht. … Abends gegen 10 Uhr pilgern diese kleinen Ackerbürger nach ihren Wohnstädten zurück, denn das Familienoberhaupt muß ja am Morgen wieder pünktlich und neu gestärkt auf seiner gewohnten Arbeitsstätte eintreffen.“ (Zitiert nach dem 1998 vom Prenzlauer Berg Museum herausgegebenenen und bei BasisDruck erschienenen Buch „Grenzgänger. Wunderheiler. Pflastersteine. Die Geschichte der Gleimstraße in Berlin“, Seite 34f.)
K. Grosinski

Im Schrebergarten (Sammlung Grosinski)
Veröffentlicht in Falkblatt Nr. 2, August 2000, S. 6
25. September 2000
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